Samstag, 25. September 2010

Unverdaute Barbarei

Vorläufiges zur Klangform des Hip-Hop
(Das nahferne Echo des Dinosaurier-Blökens, Teil 4 und Schluss)


Wie keine andere Klangerzeugungsweise liefert der Hip-Hop das Stil-Werkzeug dafür, erhellendes Textgut in Köpfe zu blasen. Irgendwelchen Könnertums bedarf es hierbei nicht; seine Machart erlaubt in einfachster Manier die Anreicherung von Gesagtem mit Wohlklang. Der nachwachsende Schlaue, der am Weltzustand sich stößt, findet, was solche Praxis erfordert, vor auf seinem Jugendzimmer-Computer. Ein wenig geübte Mauswedelei erschließt den Epochenvorzug des Hip-Hop, die prachtvolle Purheit seiner Mischprodukte: Aus ein paar Soul-Tracks voller Mildsinnigkeit werden die Grooves kundig abgespalten und laden etwas Versliches auf mit Interessantheit.

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So vermag die Geschmeidigkeit eines Hooks selbst die schroffste Psalmierung fein zu stützen. Solcherlei Silben-Amalgame, die der Le(h)r[n]ende nützlich findet, bilden in ihrer wortrhythmischen Einheit die vollendetste Form der Weltansprache; in solch bestem Fall von Kunsterfahrung reift Neuwissen per Unterhaltsamkeit. Zum Nachweis diene „WMD“, rumpelraue Kollaboration von Wise Intelligent (einst Poor Righteous Teachers) und Anticon-Sound-Bastelgenius Jel: www.youtube.com/watch?v=LzVPdml7eqc.

Ein Driss-Diss

Tatsächlich aber, beim Gros der Interpreten, ist das Gereimte bloß Zusammenballung von unhinterfragten Verzichtlichkeiten. Es formt sich daraus eine Sabbelwolke, welche den gesamten Erdball einwattet. Die Irrtümer des fetischgeladenen Alltags hallen vieltausendfach darin wider: In Gernegroß-Pose und mit hängenden Lefzen der Warenwelt in den Ausschnitt gieren, die XX-chromosomierte Menschheitshälfte zu Koitus-Puppen zurechtverkleinern, Homophobie und Tribalismus – das Dürftigste, was das Spektakel bereithält, schallt mit dem Hip-Hop als Megaphon unablässig auf diejenigen nieder, die für die Verarbeitung der täglichen Wirrnis ganz anderer Anhaltspunkte bedürften. Der Hip-Hop wirkt als Aufwärmplatte für die abgestandesten Bräuche der Jetztwelt. Auch hier bleibt es wahr, das Trotzki-Wort, wonach die fehlverbaute Zivilisation durch den Schlund erbricht, was ein Stockwerk tiefer, in der Kloschüssel nämlich, besser die letzte Ruhe fände.

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Wenn es schon nicht Defäkier-Keramik ist, was all diesem Driss als Resonanztrichter dient, so immerhin manchmal das Gemauerte, das die Kabine der Fußball-Nationalmannschaft einhegt. Mit seinem chauvinistischen Einpeitsch-Machwerk „Fackeln im Wind“ setzte der Reichstagsstandort-Zögling Bushido während der WM 2010 die Kicker-Stammhirne abscheulich unter Strom.

Seele am baumeln

Hervorgewürgte Mund-Exkremente transportieren häufig auch mildere Aromen. Dies ist der Fall bei einer gewissen Sorte von zwischenschichttauglichem Schlaumeier-Hip-Hop. Für die Darstellung scheinhafter Emanzipation gibt dieser einen nützlichen Soundtrack ab.
Aus dem Inventar der Philosophie der Praxis, die die Lebenden als behandelte Handelnde begreift, ergibt sich das Gesetz des Entscheider-Austauschs; es besagt, dass aus den Reihen der Schweiß Blutenden, der Ausgesaugten, der Gehetzten von gestern man die Welten-Zertreter von morgen rekrutiert. Die Gesetzmäßigkeit hat ihre Gültigkeit erwiesen für Christenkirche und Sozialdemokratie, für Völkerwanderung und Kolonialrevolte und auch für die Bürgerrechtsadvokaten des stärker pigmentierten Amerika; Barack Obama schätzt The Fugees.

Die Weltgeschichte als Weltgericht

Doch selbst überflüssigste Genre-Acts schlagen in ihrem verzichtlichen Getaumel nützliche Schneisen in den Monolith. Die großartige Produktionsgewohnheit, aus dem Soundmüll der Charts das Verwertbare zu klauben und zu tragbarer Volksansprache zu verschrauben, bringt sie in Konflikt mit den Verfolgungsschwadronen der Copyright-Digitaldiktatur. Auf diesem Felde kämpft der Hip-Hop, sich, wie Kämpfende oft, seiner Rolle kaum bewusst.

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Noch der dümmste Reimsabbler tollt somit umher auf dem bedeutendsten Schauplatz, den der Klassenkampf um nachmillenniale Kultur-Sememe aufweist; was sein Management freilich nicht daran hindert, den Verfolgungsdruck geschäftsmäßig umzuleiten und seinerseits Filesharern nachzusetzen. Die irre Dialektik des Verfolgertums braucht zur Entfaltung nicht immer Generationen. Eine einzige Persönlichkeit genügt ihr als Wirkraum.

2 Bemerkungen:

  1. Sehr gut, wirklich interessant. "Danke Armut, danke Elend"

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  2. "Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, [...] Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert." (Schwarzbart, 1867)

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