Donnerstag, 1. Oktober 2009

Soothing Soul Music oder: Die exaltierte Mildheit der Utopie

Das nahferne Echo des Dinosaurier-Blökens, Teil 3

Tritt uns mit der Klangform der Soulmusik endlich das ersehnte Andere entgegen?

Der Soul ist typische Hervorbringung der nordamerikanischen Bedrängungsgesellschaft. Formlos geformt dem Bevölkerungssegment der dunkel pigmentierten Halbbürger entstiegen, destillierte sein Sound die Hoffnungs-Aromen, welche noch der allertiefsten Hoffnungslosigkeit in Spuren und Resten beigemischt sind. Im Bereich der populären Massenmusik verkörpert er vermutlich die legitimste, da am wenigsten artifiziell verzüchtete Nachkommenschaft der Verschleppten-Choräle. Die Zerstreuungsindustrie nahm sich seiner früh an; die Zurichtung, der sie ihn unterzog, erfolgte in derselben kulturellen Kaltzeit wie der Boom des prahlerisch lärmenden Rockismus.

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Der Schaumbildung irriger Weltauffassung wirkt der Soul damit längst nicht entgegen. Andersherum, er etabliert Vortragsformen, in welchen die Geknechteten als Befreite sich nur spielen. So vermochte der Soul auch jenseits seines Urmilieus anästhetische Wirkung zu entfalten; und dies, obgleich – oder gerade weil – er dies mithilfe anderer Codes bewerkstelligt als der blässliche Majoritätssound.

Mit Haut und Hoden

Was im Soul vordergründig zum Einsatz kommt, ist der Schmeichel-Sound des männlichen Liebhabers. Schon der frühe R&B, wo der Rock’n’Roll sich bediente, bestand zu einem Gutteil aus Geschlechtlichkeits-Metaphern, die vor der heuchlerischen Luther-Moral des herrschenden Hauptstroms Deckung boten. Der Soul spitzt diese Metaphorik grell zu. Er kleidet sie in die Wortwattebäusche des gedachten XY-Chromosomierten, der per zärtliche Nahbereibung aus dem Einerlei der Knechtschaft sich herauszuwinden sucht; er verkörpert die Körperlichkeit desjenigen, der von handfesten Gütern so enteignet bleibt, dass das Dopamin-Geriesel des eigenen Leibes ihm letzter Springquell der Freude ist. Dies gilt nicht allein für die Nachkommenschaft der vormals aus Afrika Hinfortverschleppten. Auch unter Verpflanzten fernab dieser Breiten wiegt man gern das Haupt zu souligem Rhythmus.

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Doch entlehnt der Soul nicht dem Beziehungsknast der fatal verschnittenen Geschlechterverhältnisse die allerunseligsten Ideologeme, sie ahnungslosen Angesichts weiterverwertend? Die Hörabsicht, die dich dem Soul geneigt macht, schwächt diesen Vorwurf merklich ab. Den Rockismus, en passant bemerkt, trifft er voll. Jener geriert sich in jeder Hinsicht tumber.

Thrill des Herumtollens

Zwar bringt der Soul die Balzlust übersteigert zum Ausdruck. Vor der Zielaggression, dem tatsächlichen Übergriff scheut er allerdings unbedingt zurück. Sein Soundgemisch enthält sich jeder Verhärtung und neigt allenthalben zur Schmiegsamkeit; wo es im Verlauf einer Nummer dumpf rumpelt, erhält solch unbändig-hektischer Ausbruch einen wohlgefälligen Schall-Part zum Nachbarn. Mit exaltiert vorgetragener Mildheit überföhnt der Soul die Eiswüsteneien, die zugespitzte Stile des neueren Rockismus wie Metal und Hardcore heraufbeschwören. Ungepresst und tobfroh sprudelt sein Rhythmus, der Flow balsamiert die rauen Synapsen: manch Muskelgefaser erfährt warme Weitung, der Akkomodationsring der Pupillen etwa, so die schauende Durchdringung des Weltganzen fördernd. Dem Verkrampften wird die Körper-Seele erweicht. Zur Widerstandsdialektik des befreienden Gegenschlags steuert der Soul damit die Grundzutat der somatischen Selbstbewusstwerdung bei.

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Zu tiefster Sinnbestimmung gelangt der Soul folglich, wo er mit dem offenen Widerwort sich bindet. Erhebendsten Ausdruck fand dies in den Frühsiebzigern. Die einstigen Crooner Marvin Gaye und Curtis Mayfield traten da mit grandiosen Opera hervor; sie schmolzen die schlau verfasste Beschwerde über das pigmentbasierte Klassenjoch in formidable Klangwelten ein. Selbst sie, Protagonisten der Schmeichelmusik, waren der großen Katalyse nicht entronnen, der das „fire last time“ der Endsechziger jedes denkende Mitwesen unterzog. So glimmt im Nahbereich der herdhaften Wärme, mit welcher der Soul die Hirndurchblutung fördert, die Sehnsucht nach der anderen, kommenden Welt auf.
Gewisse kluge Renegaten des Harschklangs fachten ein gutes Jahrzehnt darauf dies Glimmen noch ein Stück wirksamer an. P. Weller von der britischen Gruppe Style Council hatte einst Gitarren zum Kreischen gebracht; er entsagte, indem er dem Soul sich zuwandte, insofern bewusst einem Stil-Irrtum. Wo mitunter dem Soul-Vinyl ein süßlicher Nachhall die Schallrillen zu verkleistern scheint, überformten die frühen Style-Council-Alben dies mit politischer Widerborstigkeit. Es markiert jene Umkehr, möchte man meinen, den wortklanglichen Gipfel des verflossenen Jahrtausends.

Glimm-Gipfel und Schlamm-Tal

Solange die dem Soul ursprünglich huldigenden Kreise in Segregation gehalten wurden, changierte ihr Standort im Gesellschaftsgefüge; sie trieben jenseits und zwischen den Hauptklassen volatil und suchend umher. Die Fixierung eines pigmentierten Klassenstandorts erwies sich als bedeutende Anstrengung. Irgendwo auf dem Bogenrund zwischen Arbeiterklasse und abgehängter Halbwelt balgte man um einen kulturellen Stehplatz. Der technisch verfeinerte Soul neuerer Machart schärfte nach Kräften das Anspruchsbewusstsein. Doch bis weit in die Siebziger Jahre hinein blieb es bei rein negativer Integration; als Vollteil des Ganzen längst nicht wahrhaft geschätzt, war man schuldlos dazu verdammt, in der Mechanik der Klassenspaltung die Rolle eines Scharniers zu erfüllen. Die mühevoll geronnenen Untermilieus harren in vielerlei Hinsicht bis heute des bruchfesten Einbaus ins Gesellschaftsgefüge.

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Der Prozess der nachgeholten Klassenformierung ist noch längst nicht zur Vollendung gekommen. Die zwischengeschlechtliche Zusatz-Kohäsion, welche die Kernleistung des Soul ausmacht, erweist sich umso mehr als erwünscht. Doch der Pur-Klang der erhebendsten Soul-Perioden bedient heute nur mehr Nischenvorlieben im Stil-Labyrinth eines zerflossenen Genres. Mit dem piepsigen Gesäusel, das in jüngeren Jahren den synthetischen Beiklang der Chart-Musik ausmacht, ist der typische Neusoul heute ebenso durchsetzt wie mit gehaltlos dahingerappten Brabbelpassagen.

Der unsägliche Gestus des Durchschnitts-Soul der Jetztzeit täuscht nicht hinweg über Zwischen-Verdienste. Der Bewegung des Northern Soul etwa gelang es, durch Ausgrabung verschütteter Vor-Inkarnationen ein Besitztum zu reklamieren, welches man der Jugend periodisch entreißt: dasjenige des hehren Tanzspaßes von unten. Indessen fiel auch der genordete Provinz-Soul unweigerlich der Sklerose anheim. Im Streit um die Hoheit über den Dancefloor blieb er gegen House und Verwandtes ohne Chance. Seitdem betreiben unter seinem Banner gestrig gepolte Vereinsmeier-Seelen eine Art Retro-Mummenschanz. Hier wie im R&B der Chart-Gefilde werden mit jedem saisonalen Zyklus die einst gleitenden Formen krustiger verbacken.

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Konfektionierte Nahaffektion

Das Trachten des gemeinen Dienstleistungsbürgers erschöpft sich im arbiträr Menschenpaarigen. Die Reststile des Soul bestärken ihn darin; sie verengen die Sicht und strahlen nicht mehr ab in als weit begriffene Menschenkreise. Was obsiegt, ist die immergleich leere Routine fetischstarrer Verführungs-Machenschaften. Den bodennahen Höhepunkt solch scheinhaften Souls bildet der Koitus, der kopplungslos bleibt.
Und die Seelen, die einen Daseinszweck weder im Genitalvollzug noch in den Riten, die ihn anbahnen, finden? Sie raffen zusammen, was am Soul groß sie dünkt, es in neue exaltierte Stile überführend. Den brauchbarsten von diesen kennen wir als Hip-Hop.

(Nachtrag hierzu: folgt.
Komm bald wieder, Schwuder-Brester.)

Freitag, 17. Juli 2009

Jammer gewesenen Chlorophylls

Erglänzte auf Erden kein sonstiges Blattgrün,
besonntest du meines, des bin ich gewiss.
Ich welkte nicht hin unter laubkühlem Nacht-Dach
(lebendigem Auge ein Reis bloß, angstgräulich),
zergurgelt
im Farn-Schlamm der Wald-Ungerührtheit.

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[Zugespitzte Fassung, Juli 09.]

Donnerstag, 11. Juni 2009

Aggressive Bewusstlosigkeit

Die Homies, "ich" und die End-Rezession

Der Zwischenschicht-Styler steht gelackmeiert da. Das Büro-Commitment schien unendlich ergiebig, mächtig schick hatte alles getuckert. Nun plötzlich: Kolbenfresser, Akkumulations-Stau.

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[Frankfurt am Schmutzfluss, Roßmarkt.]

Unbehagen wallt, der Haarglanz entdunstet. Synergetische Fügung, dass „am Ende des Tages“ – unterm Heizpilz, beim zweiten Latte macchiato – der Blick ab und an auf ein Banner fallen darf, das den Missmut mit einem Kraftausdruck hinwegschimpft. (Förderlich für die Genick-Straffheit, somit für den Sitz des Polohemd-Kragens. Sowie, bei der Begleitung, für den Halsschmuck-Baumelwinkel.)
Doch wird die Verwünschung des Unbegriffenen das Styler-Cabrio davor bewahren, auf mobile.de verramscht zu werden? Kaum, wenn die Konjunktur weiter schwindet. So wenig, wie den ganzen Cabriolettismus, in seiner chillig durchharzten Vergrinstheit, buddhistoides Voodoo-Gemurmel, Freebase rauchen und Weihwasserspiele vor psychotischen Alpträumen retten dürften.


Anlage
Interview des Stern mit Prof. Eric J. Hobsbawm, Vergangenheitsforscher, 7. Mai 2009

Stern: Sie wissen nicht, wohin sie gehen?

Hobsbawm: (…) Was wir im Augenblick erleben, ist ja etwas, was es nach der radikalen Moraltheologie des Marktes gar nicht geben kann und darf, es ist also etwas, was das Denkvermögen der Akteure sprengt. Wie ein blinder Mann, der durch ein Labyrinth zu gehen versucht, klopfen sie mit verschiedenen Stöcken die Wände ab, ganz verzweifelt, und sie hoffen, dass sie so irgendwann den Ausgang finden. Aber ihre Werkzeuge funktionieren nicht. (…) Wie reagieren die Menschen, wenn alle Sicherheiten verschwinden, sie aus ihrem Leben hinausgeworfen, ihre Lebensentwürfe brutal zerstört werden? Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir, dass wir uns – ich kann das nicht ausschließen – auf eine Tragödie zubewegen. Es wird Blut fließen, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen (...) Und noch etwas möchte ich nicht ausschließen: einen Krieg, der dann zum Weltkrieg werden würde – zwischen den USA und China.

Stern: Das ist doch Unsinn.

Hobsbawm: Nein.

Montag, 25. Mai 2009

Über Hardcore oder: Schwitzen nach innen

Das nahferne Echo des Dinosaurier-Blökens, Teil 2

Der Rockismus hat Spielarten hervorgebracht, deren Anwender die grimmige Gewissheit pflegen, sie stünden zum Vaterstil in Opposition. Am schärfsten zugespitzt ist dieser Glaube im Hardcore. Hier werden die vergorenen Essenzen des Rockismus nicht mehr in gewohnter Süßlichkeit verbacken. Das Gitarren-Geschmirgel, rhythmisch hart verdichtet, lädt den Lauschenden kaum mehr dazu ein, verzückten Angesichts das Becken zu schwingen; der Saiten-Masturbator löst sich auf im Ensemble, Songwriting in Harmonien-Puzzeleien und das, was man Gesang nannte, in Gebelle. Anti-Rock’n’Roll, so weit eingedampft, dass das verachtete Rock-Schema gerade eben noch fortwirkt: Das ist sie, die gallige Essenz des Hardcore. Punk oder, noch widerwärtiger, „Punk’n’Roll“ ist hiergegen windelzarter Skatrunden-Walzer für das Persönlichkeits-Segment des „lockeren Jeans-Typen“.

Doch vermag, wer die Docks der Aufgehobenheit mit verkniffener Stirnhaut dem Erdboden gleichmacht, darüber das besondere Eigene zu errichten?

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Trennen und leimen

Wie gründlich auch einstmals die Rock-Reform des Grunge die Hörkanäle geweitet haben mag: Der Normalverteilungsbürger fährt unbeirrt fort, sich dem Radio-Gesäusel auszuliefern. Die Verhärtung, die Hardcore der Seele aufpresst, separiert den Initiierten von der Äther-Herde. Zwar bringt solche künstlich potenzierte Trennung nichts anderes als die Entfremdung zum Ausdruck, die der noch nicht bis zum Stupor Betäubte im bürgerlichen Jetzt-Zustand andauernd erfährt. Doch wo das Bindemittel fehlt, zerfließt einem die Soße; ein Dagegen ohne Anwandlung von Solidarität geht leicht auf in rechtsgepoltem Quasi-Nietzscheanismus. Die Stil-Zone Hardcore bleibt hierfür hochempfänglich.
Nicht umsonst prägt moderne Jugendbündelei die Begegnungsstätten der Hardcore-Freunde. Jene Trennung, die das unwirtliche Klanggebräu zeitigt, ist wie kaum etwas anderes geeignet, vis-à-vis der Elternwelt Differenz zu reklamieren; gleichzeitig verlangt der Frost, der darin mitschwingt, nach Akten zärtlicher Kompensation.

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Im binnenszenischen Miteinander trägt solcher Sehnsucht das Konzertgeschehen Rechnung. Versetzt es die Männerseelen genügend in Wallung, strömen die Cliquen der Event-Teilnehmer rauschhaft an der Bühnenkante zusammen und stapeln und verschlingen sich zu Herren-Trauben. Derart tritt man mit dem unbekannten Nächsten in allerengste Bereibung ein; welch ausgefeilte Freestyle-Choreographien da vor extraharscher Soundwand zur Anwendung kommen! Der Drang, nach solch verhuschter Betastung vollständig miteinander zu verschmelzen, konzentriert sich schließlich gestisch in der Praxis des Stagedive. Eine Freude, zu bezeugen, wie die Pose desjenigen, der seine ihm selbst nicht erklärliche Bedrängung machistisch in die Welt hinausschreit, in der uneingestandenen Homoerotik der Körperzusammenballungen zerfließt.

Einhundertundeine Klon-Ideen blühen

Trotz Überörtlichkeit dieser Praktiken erwächst daraus noch nicht so etwas wie eine Szene; höchstens eine Art amorphe Szenerie. Die Täuschung, einer eigenen Kulturform zu pflegen, fußt auf ein paar Clustern schwächstcodierter Mätzchen und enthusiastisch betriebenem Textildruck. An Haltungen herrscht trotzdem keinerlei Mangel. Es flackert aus der Mitte dieser Szenen-Nachbildung die gesamte Nebelwelt der Irrtümer auf, welche die Zivilisation derzeit bereithält. Hier grassiert es, das Selbstbehauptungs-Knurren der Agnostic Front, Biohazard und Sick Of It All; mit solchem vitalistischen Droh-Gedröhne versetzen sich Exekutions-Funktionäre, die in US-Uniform den Planeten heimsuchen, vor Feindberührung nicht selten in den Mordrausch.

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Andernorts, in trostlosen Vorstadt-Planquadraten, quillt wortwolkig existenzialistische Lyrik aus den Schallrillen von Emotive-Hardcore-Tonträgern; mancher desperate Gymnasiast kokoniert sich mit Hilfe dieses letzten Stücks Faden, das ihn an unsere Un-Welt noch bindet. In anderen Winkeln wirken anarchistische, Gay-Rights-bewegte Straight-Edge-Veganer, die Kants kategorischen Imperativ in ungeahnter Buntheit von links her neu züchten. Zwischendrin immerhin waltet ab und an Weisheit: Da gehen Ideologie-Radiologen wie das Schweden-Quintett Refused auf Streife und röntgen bis auf den letzten Haarriss das Bröckelfundament des windschiefen Weltbaus.
Hemmt oder fördert das Ideen-Gewucher die Anbahnung des nötigen Anderen von morgen? Dies lässt sich schwer entscheiden. Der eine hätte außerhalb dieses Reservats randständiger Weltanschauungs-Reproduktion von Umsturzhaftem nie je ein Sterbenswort vernommen; dem anderen ermöglicht das Szenen-Gewese, per kleinliche Händel sein Leben zu fristen – gleichend dem braven Familienvater, der im Arbeiterschließfach von gegenüber Abend für Abend sein Privathobby pflegt.

Dingfest machen lässt sich das Andere, indem sich der Schielblick an sein Gegenteil heftet. Ersatzreligion für die erschöpften Zwischenschichten ist heute ein bedarfsgerechter Jedermann-Buddhismus, gestreckt mit dem Chill-Balsam des Indie-Rock; darauf untersucht, ob er geeignet ist, dem Hörer halbwegs das Hirn zu spornen, erweist sich dieser als Echtzwilling des prahlerisch tönenden Alt-Rockismus. Gleich seiner geschichtlichen Urgestalt bildet der hipper frisierte Abguss nichts als das Spektakel in Reinform ab. Er reduziert das Schöpfertum der Zuhörermenge bis an den Rand der Bewusstlosigkeit; im Nahumkreis der jeweiligen Rockformation gerinnt, was an Beteiligung überhaupt vorkommt, zu der dürren Funktionsform des Geschäftsgebarens.

Und im Hardcore, sprießt da die Selbsttätigkeit? Auch hier lähmt Stellvertretertum die Wirkkraft. Wenige musizieren, die Meute lauscht und staunt; ein paar mehr erdenken, kreieren, wirbeln eifrig, der Rest zückt die Börse, erwirbt und – übersieht. Je dumpfer die Subszene, desto tiefer das Koma.

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Bizeps- vs. Post-

Wir ersehnten den Abzweig vom begradigten Flussbett, wir wurden hineingespült ins Prä-Ludentum der Muckibuden und Drachen-Tattoos; die Wiedervereinigung mit dem Hauptstrom brachte in Gestalt des Muskelmann-Gerumpels einen ultrarockistischen Golem hervor. Wer das schlecht ertrug, setzte sich ab. Aus dem stickigen Dunst des Großlabel-Machocore mitsamt seinen brachialen Klangklischees desertierten die Gewitzten bereits Ende der Achtziger. Fugazi und andere Dissidenten, den Würgereiz unverzagt urbar machend, flohen ins Versuchslabor des Nicht-mehr-bloß-Hardcore. Sie versetzten die dichten Energie-Eruptionen, wie sie ihrem Herkunftssound ureigen sind, mit Saiten-Tüfteleien und Geistesblitzen. Dabei bildeten sie manchen Zug des Indie-Populärrocks in vorsichtig gebrochenen Ziermustern nach. Arabesken wurden de- und rekonstruiert, liebklangliches Beiwerk kam neuerlich zu Ehren; längst nicht mehr Desertion in Permanenz, hat man es geschafft, in Stilen zu erstarren wie sonstige Ableger der Sumpfblume Punk. Doch wenn irgendwo, so restkeimen hier Subversions-Intelligenz und Nicht-Identität.

Verlegt wird solcher Großhirn-Restcore von globusweit verrohrten Kleinstlabel-Machern. Das freundliche Pumpgeräusch, das diese Raffinerie erzeugt, beschämt ausgiebig das Stellvertretertum und entlarvt alles leere Showbiz-Gefuchtel. Im kräftigen Gedeihen des Split-Release, des Tonträgers, der statt dem einen Einzelkünstler mindestens deren zwei präsentiert, drücken sich Geneigtheit zur Kooperation und die Abkehr von egozentrischer Selbstvergötzung aus. Respekt gebührt all diesen flohmarkthaft Rührigen; für alles, was am Genre verbreitenswert ist, treiben sie unter höchstem Kraftaufwand Kanäle in den zähen Lehm der Alltagskultur.
Doch ach, der Grobsog des falschen Ganzen zerrt an dieser Riege der Gegen-Geschäftsleute nicht anders als an jedem Kleingewerbetreibenden. Gnadenlos bläst der Konjunktur-Monsun, Ressourcenknappheit nötigt zur Handwerkelei; so droht selbst der strengste DIY-Apostel ins liberal gesinnte Schaffensmenschtum abzugleiten. Wuchtig-schiefe Akkordgewitter, anderthalb Quadratmeter Hautbestechungs-Landscapes, sonstige hohle Szene-Artefakte, die binnen Quartalsfrist umcodiert sind: All dies ändert nicht das Geringste daran, dass Bilanzen ihren Weg in die Mitte pflastern. Dischord Records ist eine Mittelstands-Klitsche von der politischen Zahnlosigkeit eines Gregor Gysi.

(Vielleicht demnächst im Soulcore-Laboratorium: was zu Soul und Hip-Hop. Dranbleiben!)

Samstag, 23. Mai 2009

Byzantinismen

Istanbul, May 2009

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Spice Bazaar, Eminönü.

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Some square in Galata.

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Eminönü again.

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Somewhere in Beyoğlu.

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Side street of İstiklal Caddesi.

Mittwoch, 22. April 2009

Das nahferne Echo des Dinosaurier-Blökens

Teil 1: Rockismus & Indie-Rockismus, die unwohlgeratenen Zwillinge

Vorab-Bekenntnis

Hören kann man alles.
Die Muster dessen, was du als wohlig empfindest, sind in deiner Seele tief, allzu tief fundamentiert. Das Rauschen des Stadtraums, das kältlich-stummdumme, hätte eigentlich als störend zu gelten; doch selbst dieses vermisst du nach einer Woche fichtendurchrauschter Waldursprünglichkeit.
Einem Fetzen Musik voll Vergnügen zu lauschen fußt im Wirkungsraum des notwendig falschen Bewusstseins meistenfalls auf konsequent falsch Erlerntem; was dies falsch Erlernte wie geschaffen dafür macht, bei aller Welt „authentisch“ zu heißen.
Fette dein Hörrohr mit dem Falschheits-Verdacht! Bohre dich mit dessen geneigter Unterstützung bis tief ins Mark des herrschenden Seicht-Schalls!
Beschnüffle den Urgrund seiner inneren Fäulnis.

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Das Gestampfe des alternden Alphamännchens

Das letzte Schauspiel ewig wirkenden Aufstiegs gab der Weltkapitalismus in den sechziger Jahren. In klangkultureller Hinsicht ist davon das Abbild der Rockismus. Man kann dessen weithin wirkende Verschleierungsleistung auf einen simplen akustischen Kernzweck reduzieren: Was er der herrschenden Kultur-Ideologie zu bieten hat, ist die Ausstattung des eingängigen Volkslied-Melodiebogens mit einer dynamisch schallenden Gegenwartsumbauung. The Beatles und „die Stones“ (nach Klaus Walter) dienten ihm insofern als Übergötzen. Was wir als Rockismus verabscheuen gelernt haben, kraxelte in seiner embryonalen Gestalt auf ausgesprochen beschwerlichem Pfad aus den Katakomben der Geächteten hinauf ins Hörzentrum des Molochs. Aufsaugend, was ihm brauchbar erschien an Ausdrucksformen der Zertretenen Europas, Afrikas, der Karibik und des südlichen Amerika, gerann er zu weißer Überlegenheitskultur. Aber nicht nur dies, gelang es diesem Novum doch, sich listig zu tarnen als eigentlich gegen das Establishment gerichtet; der klassische Rockismus bildete, äußerlich voll flackernder Verrücktheit, den Soundtrack zum formierten Schein-Lotterleben.
Mit dem Niedergang seines Wirtsmilieus geriet auch dieses zähe Kultur-Amalgam in Krisen und musste sich ein, zwei Mal halbwegs neu erfinden. Denn sein Wirken ist unverzichtbar, seine Zwecke sind bedeutend: die Herrschaft des Menschen über den Menschen in ihrer zugespitzten Jetztzeit-Form orchestrieren; die irrblind vorangetriebene Weltzurichtung klanglich angemessen ummanteln. Die vollmaschinell erzeugten Sounds mancher Nebenkultur machten ihm in jüngeren Jahrzehnten Konkurrenz. Doch in Erster und Zweiter Welt ist der Rockismus weiter eine Stützstrebe des Pseudo-Hedonismus; er wirkt dabei mit, den Eindruck herzustellen, in einem Gemeinwesen voll äußerer Bedrängungen lasse sich Befriedigung generieren.

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Der Kern-Elemente des Rockismus sind dreierlei: schematisch-technologischer Zuschnitt plebejischen Liedguts, gleich ob europäischer oder afrikanischer Provenienz; die aufgeblasen-gleitlustige Emotionalität der konfektionierten Refrain-Zeile; Überhöhung des instrumentellen Einzelkönners und der genialen Songmacher-Persönlichkeit. In all dem spiegelt der Rockismus getreu die Hauptirrtümer unserer Epoche – und bewohnt selbstverständlich auch die Hirne ihrer Lenker. „Highway To Hell“ von AC/DC ist das Lieblingsstück von Außenminister a. D. Joseph Fischer. Wie stampft da das chauvinistische Alphamännchen lustig im Takt des Rockismus von vorgestern!
Die Antlitze rockistischer Über-Dinos wie „der Stones“ unterliegen längst flächiger Auffältelung. Gleichwohl verirrte sich in einem Trugschluss, wer meinte, damit ermatte auch die Wirkkraft der rockistischen Ideologie in ihrer Gesamtheit. Untoten gleich ergehen Jung-Großreptilien sich in Gewändern noch becircenderer Annehmlichkeit. Ihr gegenwärtiges Spuk-Revier ist das Recycling-Genre des Indie-Rock.

Indie-Rockismus

Radiohead oder The Notwist stellen die angemessenste klangliche Verkleidung bereit, die das Spektakel sich zum Millennium hin überstreifen konnte. Der Sound ist Distinktions-Muzak für die gebildeten Stände; Studenten, Kulturschaffende, Dienstleistungsbürger formen die Gemeinde seines feinsinnigen Kultus. Der Vorzug des Pseudo-Hedonismus 2.0 besteht darin, dass er seine düsteren Schwester-Gemützszustände in sein Klanggeflecht inkorporiert hat. Die süßlich eingedampfte Melancholie lässt listig der Scheinopposition allen Raum.

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Je alternativer sie sich hierbei gibt, umso mehr bildet diese Art des Neo-Rockismus mit dem kulturellen Hauptstrom eine integrale Einheit. Indem das Indietum von den Zwischenschicht-Milieus zur Identitäts-Formung bevorzugt herangezogen wird, polstert und stützt es die Klassenpyramide; ja, es muss gar als ihr klanglicher Ausdruck gelten, so vortrefflich, wie es die Risse in jenem Abbruch-Monument mit Mustern eines falschen Anderen tapeziert.
Wogt im Alt-Rockismus das schwitzige Spießer-Meer von gestern, repräsentiert die moderne Indie-Varietät die solo vor sich hin zuckende Liberal-Monade. Wirksamer als das schale Erlebnis-Geschunkel, zu dem der Rockismus geschwunden ist, fördert das Indietum die Einzwängung des Selbst in die Rolle des scheinbar sich selbst verwaltenden Einzelnen. Der erhaben sich dünkende Leistungsbereite versichert sich auf diesem Weg seiner Distinguiertheit.
The Notwist, das ist der Lieblingssound von Claudia Roth und Daniel Kehlmann.

(Nächste Folge: Über Hardcore!
Stay tuned, kids.)

Montag, 29. Dezember 2008

Auralschief

Mit 10, 11 Jahren, vielleicht früher noch, vielleicht später, hatte man nur das Radio und den Pausenhof. Musikvideo-Abspielsender: keine. Höchstens ältere Geschwister.
Was lotste einen hin zu anderer Musik?
In die wöchentlichen Chart-Ausblähungen der Radiosender verirrte sich hier und da etwas hinein, was verschieden tönte. Einem die Gehörkanäle für die Gelegenheiten aufraute, da das ganz Andere, später, sich näherte. Und diesem ermöglichte, anzudocken.
Das ergab: das Hörrohr für den Seufzer der bedrängten Kreatur. Die Präliminar-Devianz, den Riss im Deich.

Nennenswert:
Kate Bush, Suspended in Gaffa
Adam & The Ants, Prince Charming
The Stranglers, Golden Brown
Prince, When Doves Cry

Dienstag, 18. September 2007

P. Weller, einst The Jam, nun doch kein Schwein? (Oder: Wie der Herr sich sonntags im Mousonturm anfühlt.)

„Paul Weller ist ein Schwein", sang die Düsseldorfer Modband Stunde X vor Zeiten auf ihrer Langspielplatte „Graf Porno reitet für Deutschland". Die Zuschreibung darf, da nun der Geschmähte der aktualisierten Belinsung sich darbot, als endlich widerlegt betrachtet werden. Wer Weller dort im Erdgeschoss des Frankfurter Mousonturms zur Rechten von Steve Cradock performen sah, kam nicht auf die Idee, der Herr dort auf dem Schemel ähnle einem rosigen Paarhufer. Erstens war er dazu zu gut solariert. Zweitens nimmt er zunehmend die Physiognomie einer hierorts beliebten Romanfigur an. Und zwar die der Karl-May-Schöpfung Klekih-Petra, des weisen, zudem „ex-weißen" Indianerhäuptlings. So in der optischen Ausformung etwa, wie sie die Winnetou-Streifen der Sechziger in unsere Kinderseelen eingebrannt haben.

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[Hiesige Weller-Bilder: selbstgeschossen.]

Bei ihrem bandlosen Doppelauftritt zelebrierten die Musiker folkigen Roots-Sound, da passte die Zottelfrisur des Meisters. Der unselige Rockismus, dem Paule verfallen ist, seit er seinen Style Council aufgelöst hat, ging in dem Abschall der Halbakustischen auf angenehm erlauschbare Weise verschütt. Gitarrenpartner Cradock, mit Halstuch zum Muskelshirt und schicken, gut geputzten Reinschlüpfboots, spielte dazu fein die Sologitarre. Stevies konzentrierte, beherrschte Grimassen den ganzen Auftritt über mit den Augen zu verfolgen, das konnte einem wirklich zur Wonne werden. Bemerkenswert des Weiteren, dass die Hauptattraktion, Herr Weller, bei einer Gelegenheit den Vortrag eines Songs nach zehn Sekunden Anspielen brüsk unterbrach. Wie hallte da das takthafte Mitklatschen der Menge, die sich vor der Bühne zusammendrängte, leer und sinnlos in den Saal hinein! Weller hob die Hände, äffte sie nach und nannte den handtechnisch erzeugten Marschierschritt „fucking disgusting“. Das bedeutet nicht, dass er schlecht gelaunt gewesen wäre. Im Gegenteil, seine Spiellust gewann stetig an Fahrt.

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Gelegentlich rauchend, heftig transpirierend, so klampfte er sich durch sein Repertoire. Geboten wurden Stücke aus der Solopalette, daneben „English Rose“ aus vergangener Jam-Zeit und die Style-Council-Nummer „Down in the Seine“. Auffallend viele Coverstücke von der „Studio 150“, übrigens. Beim Zugabegeben war Cradock zwei, drei Mal drauf und dran, der Bühne endgültig den Rücken zu kehren. Doch ein Kinnzucken des Chefs hielt ihn davon ab, und man spielte jeweils noch ein weiteres Liedchen.
Aufregend ist an diesem Sound natürlich nichts. Die Darbietungsweise, die gegebenen Rollen, all dies ist Kitt für den Weltzustand. Was bleibt, ist lauer Mythos, die Faszination der rau zugeschnittenen Schallwellenbündel, die eine Organverklumpung namens „Paul Weller“ nach wie vor aus ihrem Kehlkopf abscheidet. Dass Kontinuität mit dem großen Gestern über schnöde Biologisches oft nicht hinausreicht, das ist ein Eindruck, der mich öfter benieselt. Da gerinnt leicht der Verdacht, dass die „Reifung“ des Menschen im massigen Gärtank des Gesellschaftsgefüges umgekehrt zu der des Weines verläuft: Wein wird oft besser, wenn er an Jahren gewinnt.
Doch was früher faszinierte, verfliegt meist nicht zur Gänze. Die Formation The Style Council immerhin, die Weller vor Jahrzehnten initiiert hat, ist mit ihrem soulmusikalischen, politisch-kulturell zugespitzten Klangamalgam vielleicht die für lange Zeit erhebendste gewesen. Da konnte man ruhig mal den Mann besuchen gehen, wenn er eines Sonntags in der Stadt gewesen ist. Das war immer noch besser, als Tatort zu glotzen.