Sonntag, 26. Mai 2013

Grinse-Derivate III

Finaler Rau-Gesang:
Das Smartphone-Geschwistertum, Manege der Selbstritzung
(Fortsetzung von: Guantanamo Bay, wie es singt und lacht)

Das aparte Rollenkonstrukt des „Freundes“ bildete einst das Ideal aller hodenbehangenen Freisinnigkeit. Heiteren Geistes jene Rolle beschlüpfend, entstrebte der Bürger dem Mittelalter mitsamt seiner Zwangsvergesellschaftung; das Landvolk indessen blieb eingebannt in Familienstumpfsinn und Primat der Genetik, beklagenswerterweise bis ins letzte Jahrhundert, überdauernd gegebenenfalls bis heute.



Schweißnähte in HTML

In rettender Stadtluft, wo Kontakte wuchern, erweiterten neue Vertrautheitsgrade das aschfahle, spröde Stammbaum-Geästel: der Bekannte, der Freund, schließlich der „gute Freund“. In den Social Networks des Internets hingegen ist ein „Freund“ etwas Wunderliches. Der Ausdruck bezeichnet irgendeinen Kontakt von unbestimmtem Bezug zu einem selbst. Befreundet ist man mit Fleisch auf zwei Beinen ebenso wie mit Getränkemarken, Elektronik-Artefakten, Celebrities und anderen Gerinnungszuständen des unerschöpflichen Medienwirbels. Die Verdinglichung menschlicher Gegenseitigkeit erschließt stetig neue Anfreundungsbahnen.
Die verflossene Liebschaft und der Ausgehkumpan belegen mit dem Ausstoß der Wertschöpfungsketten aber nur dem Schein nach denselben Rang. In Wirklichkeit wird, so gebührt es schließlich dem Kapitalverhältnis als Norm-Quintessenz, das Lebendige vom Toten im Bann gehalten. Die Ware macht sich die Gattung Homo auch in deren Facelifting-Form als seliger Mauswedler-Multitude irgendwie-weiß-nicht-wie untertan. Als sekundärer Kniff ihres Fixzugriffs entfaltet sich machtvoll die Werbewirkung, das Wort-Bild gewordene Absatzinteresse. Die sogenannten Freunde in den Social Networks sind nichts als Tarnkappen-Promotoren abgedämpfter werblicher Fesselung.
















Schimmerndes Schadobst

Römische Kaiser raubten Silbermünzen durch unedle Beimischung ihren Gehalt. Ähnlich geht es heute dem Freundes-Begriff. Profaner Gebrauch entweiht ihn beständig, und naive, geschichtslose Moralisten sehen sich veranlasst, dies grell zu bezetern. Wer unverschleierten Blicks zurücklinst, den ficht solche Ohnmachtstrauer nicht an, sondern er nickt wissend im Takt der Geschichte. Vom Menschentum alles abzuschälen, was sich der Verwertung nicht zuführen lässt, wohnt als Tendenz dem Kapital ja inne, seit es Stiegen träger Landwirts-Schädel neuzeitlich umzuschnitzen anhob. Workout-Lofts ersetzen Sportvereine, die Lebenspartnerwahl, gegen Gebühr angebahnt, gilt keineswegs als ungebührlich, Großmuttergüte, die einst Tränen verdampfen ließ, weicht den Produkten von Fernheizwerken. Die zugehörigen Emphase-Vokabeln sind von begrenzter Haltbarkeit. Zur Erfüllung nicht vollständig hehrer Ziele werden sie ab und an recycelt.



Auch die Social Networks entfalten ihren Einfluss alles andere als benennungsgemäß. Ihre Grundmechanik ist entsozialisierend – sie bewähren sich als Invasions-Vehikel in dem undurchsichtigen Marketing-Plot, dem gemäß man fortfährt, die linsende, lauschende, klickende und immer noch grinsende Masse zu Marktsubjekten zu zerstäuben. Für die Werbekonzerne, geheimen Dienste und sonstigen Küchen des Synapsenzuschnitts bedeuten sie geradezu den Stein der Weisen. Der herkömmlichen Gießkannen-Propaganda sind sie so maßgeblich überlegen, weil die Schwelle, ab welcher Wirkung sich einstellt, vom Einzelbürger durch freundliches Zutun immer tiefer hinabverlegt wird. Das Nutzvieh klickt sich den Melkplan selbst zusammen. Das spart die Manpower gedungener Schergen.

Orchestr-/geschm-/kujoniert

Der Weltbezug im großen Freundes-Raster ist nach Vorgabe rosarot. Dargebotenes kann bloß „gefallen“, Unmutsbekundungen bedürfen des Umwegs. Dur-Gestimmtheit scheint förderlich, wenn der Daseinszweck darauf hinausläuft, eine aberwitzige Warenpalette auf Biegen und Brechen an den Mann zu bringen. Seit Marktwirtschaft herrscht, ist dies der Sinn von Propaganda, ihr Beitrag ist nur weniger verzichtbar als einst. Angesichts einer Abverkaufslage, die Volatilität in Permanenz bedeutet, lässt man noch in die letzte Nische seine Anpreisungen hineindiffundieren; die Ökonomie verschafft sich Zugriff auf lauschige Örtchen des Mitmenschentums, die sich ihr bislang entzogen hatten.



















Die Umhalsungswut jüngsten Sittenzuschnitts ist folglich mehr als eine Arabeske. Im vogelwilden Millenniums-Projekt des Fata-Morgana-Kapitalismus spielt sie eine fördernde Nebenrolle. Sie ermöglicht, Handlungen einzuüben, deren Vollzug unersetzlich ist: Geld ausgeben, das keinen Wert repräsentiert; Produkte begehren, die keinen Nutzen aufweisen; Leute anschmusen, die einem gleichgültig sind.

Breschnew Zuckerberg

Mancher lächelt gern über „den Ostblock“. Dort grüßten von den Wänden die Pathos-Parolen, und den Einzelnen suchte man zurechtzuformen, indem man ihn in „das Kollektiv“ und allerlei weitere Gemeinschaften zwängte, deren Gemeinheit sich unschwer erschließt. Im Vergleich mit der Facebook-Gegenwart verhalten diese groben Vereinnahmungsübungen sich wie der Drill des Kasernenhofs zur raffiniert gebauten „Matrix“ der Wachowskis. Im Osten gab ein Kommandozentralstab in Klarsprache Monatslosungen aus. Im Rest-Westen radiiert ein Flüsterchor, dessen Aufenthaltsort sich kaum festmachen lässt, unausgesetzt Überredungssignale zum Lobpreis der heiligen Waren-Gesamtheit. Den flatternden Bannern des Pseudosozialismus entspricht der Heiterkeitsnebel der Werbung.

Fast ist der alte Ostgenosse als beneidenswert zu bezeichnen. So schwer es war, „dem Kollektiv“ zu entrinnen, gegen das Leiern der Parteipropaganda ließen sich die eigenen Sinnesorgane doch einigermaßen mit Dämmstoff verschließen. Das Geplapper der Märkte verschont hingegen niemand. Der Wirkzugriff der Werbelabore übertrumpft die östliche Abrichtungstechnik: Der Schein der Freiheit wabert hartnäckiger, das macht die psychoerotische Verstrickung. Facebook ist die Digital-FDJ des 21. Jahrhunderts.

Nervus optic. angewelkt

Auf einem derart entstellten Planeten-Klumpen metastasieren die Fremdheitsgefühle. Es würgt nicht nur den, der sich stets dagegen fühlt. Auch wer scheinbar grundtief begeistert den Ringelreihen des Überschwangs mittanzt, kann sich der Mulmigkeit nicht erwehren. Aus leisen Zweifeln in der Dämmerstunde keimt, wie tückisch, die Gemütskrankheit.

















Ob kopfgesund noch oder psychisch in der Klemme, jeder ersehnt das Eigene. Der Massenmensch, der ohne schöpferische Großtat ein Leben lang folgsam vor sich hinmalocht, hinterlässt von sich nichts außer – wenn überhaupt – der Kohlenstoff-Gallerte des genprogrammiert in die Welt hinausgepressten Lenden-Fabrikats. Ansonsten bleibt nur verfaulendes Fleisch; der Grabstein dient als Beglaubigung dafür, dass man überhaupt einmal anwesend war. Als semikreativer Dienstleistungsvogel tue ich hingegen gerne etwas „für mich“; Spurlosigkeit missfällt mir entschieden.

Lass stechen, Alter

Das Blühen der Hautbestechungs-Industrie beliefert uns hierfür mit Anhaltspunkten. Was bei Oma und Opa dem Grabstein oblag, leistet nun die Hautoberfläche, die Außenschnittstelle zum Optiksensorium der bang um sich äugenden Mitdienstleister. Die Inhaberschaft der Sichtinstrumente formt ein domestiziertes Gemenge von gleichartig Andersbeschaffenen. Turmhoch schichtet sich Jahr um Jahr die mürrisch durchlittene Werktätigkeit; man lässt sich daher vom Tätowierer blutige Stempel ins Unterfell stanzen, welche qua Buntheit den Nachweis erlauben, dass ihre Träger inmitten der Ähnlichen ureigen und recht vorzüglich sind.















Sinnsprüche, engkreisiges Namensgut, deiktische Fragmente und sonstig Arbiträres, was die Bewusstseinsgewölbe durchflackert, wird auf die Körperhülle projiziert und per Stechvorgang einverewigt. Doch ach, wie schnell wird das Eingeritzte Dorn im Auge des Ewigkeitssuchers. Es wandelt sich, nach Entlaserungskur, in etwas Scheinverewigtes. Wie für den Backfisch die erste graue Strähne hatte zum seligen Bestechungszeitpunkt die Einsicht unendlich ferngelegen, dass Ornamentik der Mode huldigt und bloß im Schlepptau der Geschmackswellen schwankt.
Eine ungeschichtliche Denkungsart spitzt sich nirgendwo treffender zu als in Mode-Reue, die nervtötend nachpulst. Nadel, Tinte und Hinfortlaserwerkzeug verwirklichen die Dauer-Oszillation zwischen Zeigedrang und Autozensur. Es verbleibt ein groteskes Lebensweg-Gestrichel; in Sachen schablonenhafter Faktizität gleicht es nicht selten der Sporturkunden-Sammlung, die vorgestern Wohnzimmerwände zierte. Die nach außen gestülpten Sehnsuchtswolken des Körper-Geist-Konglomerats delivern den Nachruf auf das Scheinindividuum, bevor das Ableben eingesetzt hat. Den Schluss-Akt der Verwesung unterbinden sie nicht.
















Unkrass, der Hass

Die seltsamsten Sorten Seelensuds köcheln unter gekämmten Schöpfen. Versorgt mit Gedankenproben davon, was man als Schreiber an Aromen hier auffand, lohnt die neuerliche Näherung an die Belange der Kapuzenjugend.
Die Kussumhalsung, die in Schluchzkrämpfen aufgeht, ins Fell gestochener Gothic-Kitsch oder ein filzstiftgestützter Hang, Grinseplakate zu molestieren, belegen heftiges Unbehagen. Der Nackensack, übers Haupt gestülpt, verkündet Ähnliches, bloß weitaus verwischter. Ist die jeweilige Unlust stimmig?















Zu bedenken bleibt, dass es tausend Gründe gibt, dem offiziellen Weltlauf den Rücken zu kehren. Den Kapuzenüberzug als Widersetzlichkeitsgeste umflackert eine grauflaue Unbestimmtheit. Es bedienen sich seiner allerlei Rotten, die ihre Outlaw-Pose pflegen, seien es Verherrlicher pigmentarmer Genpools, rötlich belichtete Zweirad-Pimps oder Nachwuchsdelinquenten jederlei Abkunft. An Gedankentreibstoff gebricht es ihnen allen. Man gewinnt den Eindruck, sie bedürften der Kapuze, um ihre Hirn-Lecks verborgen zu halten; was im Schädel verbleibt, ist bloß Menschenhass, zäh und schwarzgrün und infertil. Wer den Heuchelsitten der Lockerleute etwas entgegenzusetzen wünscht, wird hier keinerlei Baustoff vorfinden.

Unmutsgymnastik, rückgratschwach

Auch fernab der grimmigen Gang-Variante sprießt Weltabgewandtheit im Überfluss. Die meisten Epochen der Kulturgeschichte sind reich an ihren gezähmten Phänotypen. Im Heute, das uns am dringendsten beschäftigt, erweist dies gleisnerische Sentiment sich überhäufig als Trostbekenntnis. Halbwegs unprekär Alimentierte zählen zu seinen eifrigsten Jüngern, also Schüler, Studierende und sonstige Leute, die amtlicherseits als halbfertig gelten und, lebensgeschichtlich in Parkposition, die Endeinsortierung noch vor sich haben. Abseits hiervon, in Nebenschneisen, schwelt Weltabgewandtheit als Feierabendhaltung. Im Joballtag vergrabene Zyniker sind ihre fleißigsten Kultivierer. Sie pflegen eine geistlose Scharfzüngigkeit, bei der sich mit dem Grad des Unmutsempfindens die Abgestumpftheit gegen jede Sorte politischen Grundkonflikts stetig verschlimmert. Ganze Musikszenen werden gespeist von dieser Art folgenloser Gratis-Bitterkeit.















Groß an Zahl sind auch die Seelenreformer, die einen ausgeprägten Rechtsdrall aufweisen. Mit den oben Gestreiften verbindet sie die Sichteinschränkung des Cliquentums; hinzu gesellt sich die Unfähigkeit, die Menschheit als Großgemeinschaft zu deuten. Man könnte jeden Feierabend damit krönen, wie ein sich halb davor ekelnder, halb von seinen Funden faszinierter Primat diesen ganzen Ideenschlamm durchzusieben. Man fände womöglich Belege en masse für jene eine Schlussfolgerung: Ob Überdruss zu etwas gut sein kann, muss die Erfahrungslast erweisen, die der privaterweise Verwirrte auf seinem Wandelweg aufgeklaubt hat.















Begegnen/begegne(r)n

In den Kapuzenkult eingemischt ist die Neigung zur Selbstabschottung. Solche Vereinzelung ist selten heilsam. Als zwischenzeitliche Befindlichkeitswarnung mag die Verhüllung berechtigt sein; den Planeten in eine Stätte zu verwandeln, die ohne Brechreiz behaust werden kann, erfordert, sich zu verständigen. Erreichen muss man Resthoffnungsträger, Unresignierte und Weitblick-Virtuosen. In sich verfangene Beschwerdegestalten, denen es um klare Sicht nicht zu tun ist, überlasse man getrost ihren Jammer-Pirouetten.
Wo Widersetzlichkeit keimt, lauert Verirrung erst recht. Die allerfatalste Falschauffassung von der gegenwärtigen Krisenlage stellt auf die Tagesschau-Wahrnehmung ab, die Protagonisten seien „zu gierig“. Alttestamentarische Gemütsgebrechen müssen für alles und jedes herhalten; dabei sind sie nicht mehr als Verwirklichungsformen anderswo wurzelnder Struktur-Aporien.




















Dass Eigen- und Gemeinsinn kollidieren, ist Grundzug der waltenden Ausbeutungsordnung. Das heißt nicht, Eigensinn sei stets von Übel. Er kommt in verschiedensten Wuchsformen vor, worunter die Reihenhaus-Variante am wenigsten zur Bekanntschaft einlädt. Wie günstig für die Beladenen, dass in diesem jungen Jahrtausend wirkliche Grundverschiedenheit selbst unwirtlichstem Terrain entspringt. Gegenseitigkeit tradiert man dort fort; entsprechende Usancen erlauben es, eifrig verfolgtes Eigeninteresse in Mitmenschlichkeitspraktiken einzuweben. Dem kleinfamiliären Binnenautismus, der außer Kopfkrämpfen nichts bereithält, ist, wer diese Zonen erreicht hat, gerade so eben davongeschlüpft.

Unter Anderen

Von welcherart Zonen ist genau die Rede?
Vorwiegend zur Beachtung empfohlen sind kulturelle Begegnungsanlässe, welche die Müden, die Verdrossenen einander in die Gesichtsfelder lotsen. Inmitten der Dürre des Instant-Digitalen sind sie der nährende Abendtau. Keimt unter derlei Befeuchtung die Einsicht, dass das Gegenwartsleben ein Graus ist, kann eine Sehnsucht ins Wachsen kommen, die die Vergemeinschaftung vorwärtstreibt. Jener Tau kondensiert in den widrigsten Winkeln, besonders im Unterholz der Datennetze. In den Social Networks frisieren die Klügsten – anders als die meisten – keine leeren Leben. Sie behausen sie listig in Scharade-Manier.


















Jede Regung birgt auch ihr Gegenteil. Noch die allergewöhnlichste Alltagsbegegnung ist reich an Unerschlossenem; noch dem aufgeblähtesten Umhalsungsgehabe kann Restsolidarisches beigemischt sein. Es herauszudestillieren überfordert uns vielfach. Zur Förderung vitaler Aufsässigkeit ist Übung darin jedoch lebensnotwendig.

Sonntag, 2. September 2012

Diabetes-Intelligenzija

Grübeleien zu Katja Kullmanns Motor-City-Aufsatz „Rasende Ruinen“

„Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann.“
(Antonio Gramsci)

Halbwegs Neues entsprießt nicht selten mickrigen Strängen des Weltgeschehens. So brachte die atlantische Abraumhalde des vorindustriellen Argentiniens ein Laszivgeschiebe namens Tango hervor. Auf dem italienischen Kleinstaatenteppich buk die erste Tomatenpizza. Und das periphere Russland der Jahrhundertwende vermachte dem Umsturzfreund die Bolschewiki. – Doch absteigende Äste, was halten sie bereit? Nichts Schickes, vermutet der vom Mainstream Umspülte. Ach, Schema-Prophetie ist selten im Bilde; spenglerhafte Kurzschlüsse inkommodieren die schlecht verschaltete Kulturtheorie.



Noch in Epochen, die Wirtschafts-Chronisten als solche des Niedergangs etikettieren, entfaltet sich Ingeniöses reichlich. Der Entvölkerungs-Metropole Detroit, Beäugungsgegenstand von Katja Kullmanns erstaunlichem Essay „Rasende Ruinen“, entwuchs in diesem Kehrsinn der Techno. Der eingebungsreiche Großmusikstil trat in Zeiten des Zwiespalts hervor; die Automobilmachungs-Kapitale vermochte in den verhandelten Jahren immer weniger ihrer Bewohner mit Einkommensströmen zu versorgen. Heute erreicht uns aus der fernen Schrumpfstadt ein ganz anderer letzter Schrei: der Spar-Stadtplan, der verwaiste Straßen, wo nur wenige Restbürger hausen, druckmittelschonend schlicht unterschlägt.

Die toten Augen von Fannie Mae

In der Endkrisen-Welt seit 2008 verflüchtigt sich Nutzenswertes zuhauf. Einfamilienhäuser zerfallen noch rascher als die Gebisse ihrer Bewohner; Schwimmbäder schließen, man stellt Bahnlinien ein. Anders als ein kurzes Leben gewohnt, finden entsprechende Bedürfnisse auf dem sogenannten Markt keine Einlösung mehr. Der MArkt, das ist, seitdem GOtt dahinsiecht, der dunstig chiffrierte Zentralkomplex, der den interhumanen Beherrschtheitszuständen ihren fetischisierten Ausdruck verleiht. Er versagt halb Detroit die Teilnehmerschaft. Doch lässt das Gros dieser Marktungültigen nicht davon ab, sich die Düsterquartiere, wo Amerika sie hingespuckt hat, nach bestem Vermögen zurechtzuzimmern. Ihr Treiben bildet die Ermittlungsachse der Kullmannschen Detroit-Exkursion.



Der Techno hatte es insofern noch gut. Als echte Schöpfung der Nebenkultur musste er sich nicht von Beginn an rentieren. In Sachen Verkaufserfolg hatte er dem Hip-Hop, dem wirtschaftlich weit intensiver vernutzten, ohnehin nichts entgegenzusetzen; bassdrumdurchklopft und stimmbandenthoben, tönt der kühle Vier-Viertel-Drangsound ganz anders als die Recycling-Rhythmen, mit denen die Basketball-Yard-DJs der lange verflossenen Gründerjahre silbische Reimkunst veredelten. Tüftelreiz und Maschinengrundierung verklammern wiederum das ungleiche Stil-Paar und stiften verdoppelte Klang-Klugheit. Zum Radio-Rockismus der verblödeten Suburbs steht das Duo im Gegensatz. Techno wie Hip-Hop nährte schließlich der Soul, die Dauerrettung vor dem Quarkarsch-Geschrammel, die auf dem schwülen Eisplaneten zu jeder Tageszeit huldvoll gegrüßt wird.

Klassenkampf-Playoffs, karg frequentiert

Im eigenen Geburtskanal gilt er nicht viel, und doch pumpt der Techno dem darbenden Detroit eine Pulle Erklärungsmacht in den Leib. Im Kapitelfortgang der „Rasenden Ruinen“ robbt die Autorin sich, gelungen gliedernd, an seine Gralshüter-Riege heran. Die Empathie mit den Abgehängten, die sämtliche Buchseiten auffällig sprenkelt, wird am Schluss dem Grundsinn des Werkes unzweideutig an die Seite gestellt: der Verformung menschlicher Umgangsweisen im Gefolge versteppender Ökonomie – keineswegs bloß des Gebrauchskulturellen, sondern der zwischenpersönlichen Fühlung, der Mentalität und Moral, wenn man so will.




Die Schreiberin schärfte ihren Sinn für diese Fragen an der Young-Professional-Pseudo-Boheme; sie versorgte mehrfach den Druckprodukt-Markt mit Insiderinnen-Betrachtungen, die hiesige Verhältnisse zum Gegenstand haben. Auch für ihre Übersee-Reportage ergründet sie Klassenmentalitäten. Das sind die obskuren Bewusstseins-Schaltkreise, die dem sozial verstrickten Menschen als „behandeltem Handelndem“ (Brecht) die Peilung vorgeben. Wenn Kullmann, in der ersten Person sich verbreitend, per lila Sportwagenparodie die Bezirke des bröckelnden Detroit durchcruist, erhebt sich über dem Leselager ein plastisches Verständnisgeflecht. Das Expeditionsziel erweist sich als dankbar. Auf die große Klemme des Kapitalismus bietet der Ort den erbaulichsten Ausblick.

Auto-Output in aeternum

Berüchtigt ist der Großraum Detroit für verbrennungsmotorisches Fließbandwesen. Die Kopplung von Menschen- und Marktherrichtung, die jenem drastischen Hochdruck-Verfahren der Profit-Extraktion zugrunde liegt, verwirklichte erstmals Henry Ford. Der Namensgeber des Jahrhundertkonzerns war Industrieller, derber Antisemit und Hitler-Vorbild in einer Person. Sein Fabrikations-Dreh erfasste die Massen, spendete säkularen Mehrwert-Segen und wurde globusweit imitiert. Ihren Ursprungsraum, Metropolitan Detroit, beehren die Fordschen Industriestrukturen bis zum heutigen Tag durch Anwesenheit.



Doch die Autokonzerne schwanken und wanken. Nicht allein, dass ihre Stammwolkenkratzer welkende Stadtviertel überschatten. Im globalen Setting droht ebenfalls Übles. Die dereinst strahlende Stern-Marke Chrysler wäre längst in den Orkus gerutscht, hätte der Kleinwagenhersteller Fiat sie nicht im Bankrottzustand adoptiert. Den Zweiten im Bunde, General Motors, drückte das große Finanzkrisenbeben ebenfalls hart an den Rand des Abgrunds; die zu Tode erschrockene US-Regierung verordnete ihm eine Stamokap-Kur und spendierte 25 Milliarden. Der Dritte, Ford, schleppt sich mühevoll durch.

Versiffte Mehrwert-Siphons

Die Karossenbauer quält dieselbe Sklerose. Sosehr die technologische Innovation den Horizont ihres Business markiert, alle Geschäftigkeit lohnt sich nur mäßig. So gleitet der Blick des Managers von der Montagehalle ab und heftet sich voller Wohlgefallen ans binnenkonzernliche Bankinstitut. Die tiefschwarz schillernde Luftrendite, die die Kreditvermakelung bringt, sättigt mehr als die schmale reale, die sich mit dem Walzwerk verdienen lässt.



Am Ende verlangt, wer seine Karre auf Pump kauft, die Auslieferung der bestellten Ware. Um die Fertigungshalle führt kein Schleichpfad herum. Im Marktraum dieses Kerngeschäfts, als eng empfunden, sirrt irr die Rationalisierungsspirale. Sie ist das Vehikel, das die Margen zerfeilt. Einem paradoxen Drehbuch gemäß errichten anlagenbauende Schrauber riesige neue Roboterstraßen, auf welche die Blaumann-Crews Alt-Detroits ihren Fuß nicht mehr setzen dürfen. Den Evakuierten des Wertstoffwechsels gebricht es an organischer Beschäftigungsaussicht. Sie entfernen sich dorthin, wo es rosiger duftet. Zwanzig Jahre schon währt die Vertreibung aus dem inneren Gürtel der Autostadt. Als die Subprime-Blase garstig zerplatzte, legten die Gerichtsvollzieher letzte Hand an.

Luftwurst-Ludentum

Nicht nur die Automanager-Clique sucht ihr Heil in der Finanzjonglage. Seitdem, in den Siebzigern, der finstere Dämon der Renditefalle seine Fänge entblößte, sucht das Big Business ihm zu entrinnen, indem es das Schicksal seiner Plusmacherei mit der „Finanzindustrie“ verknüpft. Doch die Spielcasinos mit Banklizenz taugen für Jobwunder nur begrenzt. Immerhin, ein paar Broker-Blödel in ledernen 1000-Dollar-Tretern legen sich Haushaltsgehilfen zu, die ihre Edelmöbel entstauben. Und der Rest der freigesetzten Förderband-Leichen, ihre Kinder, Gefährten und Anverwandten? Sie kommen im „tertiären Sektor“ nicht unter – schon gar nicht, wenn die Bewerbungsbögen, die klinkenputzend zu füllen sind, auf notorisch pigmentreiche Straßenzüge als Heimterritorium schließen lassen. Die ausgelaugte Bewohnerschaft füttert die boomende Knastindustrie. In die Colleges schreiben sich andere ein.



Bleibt der Dienstleistungssegen aus, feiern Journalisten-Doubles jede Luftwurst, die einigermaßen nach Erneuerung mieft. Unter ihrem schönschreiberischen Beistand verwandeln sich Planquadrate rund um den Globus in betonierte Monopoly-Felder. Schlipsbewehrte Derivate-Verschachtler, Geschäftsimmobilien-Impresarios und Scheinrenditen-Herbeizauberer begießen wohlgelaunt ihre Coups. Banken von New York bis Tokio, von London bis Madrid, von Frankfurt bis Athen würgen im Nachgang an den Eiterbrocken hochverfänglicher Kreditkonstruktionen.

Unbefleckte Ideen-Empfängnis

Lücken in den örtlichen Wachstumsraten oder, territorial betrachtet, in den verlassenen Geistergassen schließt man auch im fernen Detroit per Stimulation von „kreativem Potenzial“. Ungemein zu Recht wird die Hartz-Hauptstadt Deutschlands im Buche als Geschwistergebilde geführt. Die Begleitpropaganda belegt die Verwandtschaft. Jenes Sagenreich der Unternehmensberater, die „große Erzählung“, von der alle Welt schwallt, Kullmann schabt unverzagt daran herum. Ihr Wortgirlanden-Lasso fixiert die Officials wirkungsvoll in Verhörposition. Nicht das abstrakte Defensivplädoyer, sondern die listige Feldexkursion verwirklicht den Kniff der Konkret-Abstraktion. Gelegentlich fördert, an befußnoteter Stelle, Hochtheoretisches die scharfe Belichtung. So wird Neugier-Destillat verdauliches Lehrgut.



Die Methode bewährt sich auch bei der Erforschung des eifrig bejubelten Neugewerbes. Vorgefiltert durch die Abschmink-Brille Trierer Konter-VWL, dehnt sich auf der Objektträger-Platte eine grenzenlose Low-Technology-Zone. Infolge allgemeinen Dürrezustands wird sie für den Nachwuchs zum Beackerungsfeld. Wir lernen einen Gebraucht-Vinyl-Händler und eine kecke Designerin kennen, die Textil-Hybriden für Wohnsitzlose fertigt: Winterjacke und Schlafsack in einem. Diese Marktteilnehmer betreiben ihr Business mit geringem Investitionsgütervorschuss. Jeder Mighty-Mouse-Crack, jeder Bachelor-Prüfling, scheint es, kann eine coole Klitsche hochziehen, sofern ihn der eine Geistesblitz trifft. Aus derlei Zuversicht backen Developer unwiderstehliche Broschürenwerke.

3. Band, 2. Abschnitt, 8. Kapitel

Warum flutet nicht massenhaft Wagniskapital die zu allem bereite Low-Technology-Zone? – Der Markt dort ist eng, die Nachfrage endlich, die Konkurrenz folglich überaus rau. So kommen die Anbieterpreise ins Rutschen, und es brechen sich genau die Abläufe Bahn, die Gen. Schwarzbart im dritten Band seines unersetzlichen Hauptwerks skizziert: Was Arbeitsproduktivität betrifft, sind die Riesenkapitalien den mickrigen Klitschen um etliche Nasenlängen voraus. Technologisch schwach bestückte Betriebe – wie die der kulturgestützten Smartass-Creatives – schiebt die Invisible Hand beiseite, sobald Chrysler, Coca-Cola und Apple am Start sind. Dank ihrer rohen Marktpräsenz sichern die Großen sich Extraprofite; die Unterproduktiven erfahren einen Abschlag. Im Kielwasser eines tragenden Aufschwungs fischt auch die Miniatur-Geschäftswelt genügend fette Brocken aus dem Wellengang. Einen Boom zu induzieren vermag sie nicht. So endet der beschworene Ich-AG-Aufbruch auch in Detroit als Broschürenprojekt.



Dem gebildeten Zyniker bleibt nicht viel, wenn die halbe Menschheit, als „MArkt“ verkleidet, ihm mit der Pranke eins überbrät. Was am Ende tröstet, ist die Selbstaufreizung durch den Moder-Charme des Totaldebakels. Die Autorin nennt dies „Ruinen-Porno“. Der Sexyness der Prekarität verfällt ihr Büchlein, welch ein Glück, nicht. Modisch verpeilt sind andere. Die Erfolgspartei der Grünen zum Beispiel, die vom forschen „Vogliamo tutto“ infolge Vernunftvergreisung Abstand nahm, versammelt in den Fluchten ihrer Bundestagsbüros GroßmeisterInnen solcher Sackgassen-Mildheit. Die Kapitulation vor der Welt, wie sie ist, wurde parteiprogrammatisch verbrämt zum Jahrtausendwenden-Schlagwort „Die Krise als Chance“. Irgendwer juchzt dazu: „Sparen macht Spaß.“ Klassensoziologisch kursorisch seziert, verraten diese Slogans plumpe Herrschaftshuberei. Für Flirts mit verkniffener Bücklingspolitik züngelt aus den Seiten der „Rasenden Ruinen“ allzu sengend die utopische Lust.

Redaktionelle Rassenkunde

Die Top-Episoden des becircenden Büchleins covern die räudigen Stadtgebiete, wo schon lange keine Kasse mehr klingelt. Schauplätze, dort angetroffene Akteure, Gesprächsprotokolle und Bewusstseinskorpuskeln verdichten sich zu kuriosen Panoramen. Ein Rätsel beansprucht das Zergliederungsbesteck: wie in Zeiten, wo man sich „colorblind“ gibt, Epidermalfärbungs-Zuschreibungen die Unteren trefflich in Fesseln halten. Das Pigmentdilemma wird so kundig behandelt, dass man geneigt ist, deutschen Leitjournalisten die „Rasenden Ruinen“ als Fortbildungsfutter jeden Morgen in den Napf zu streuen. (Das angelsächsische „race riot“ in seine Schreibe zu transferieren, ohne den Hassbegriff „Rasse“ zu bemühen, ist eine Übung, an der viele scheitern. Da lohnt sich pädagogische Zuwendung.)



In den Hunger-Arealen Detroits sinkt das, was an Ökonomie verbleibt, herab auf das Hin-und-her-Geschiebe woanders verfertigter Restbestände. Die Verschieber sind zum einen, rein mutmaßlich, Basecap-bewehrte, pigmentierte Hustler, mit denen die Autorin an den Straßenecken ausgesprochen schlecht ins Gespräch kommt. Zum anderen operieren hier Charity-Ladys, die hellhäutig sind und aus der Zwischenschicht stammen; ihre Wohnstätten liegen eine Rushhour jenseits der emsig umsorgten Kümmergebiete. Die Hilfsbereiten, immer auskunftsgeneigt, treiben Wohnzimmermöbel, Elektroherde und andere Jahresbedarfsgüter auf und versorgen damit die Indisponierten. Diese sind von Angesicht mehrheitlich unblass, bewohnen in Alleys voll schimmelnden Leerstands vielleicht noch jedes fünfte Gebäude und hangeln sich von Shitjob zu Shitjob. Sie strampeln darum, von der Dollar-Gischt, die bis zum nächsten fatalen Crash die geschundene Volkswirtschaft balsamiert, einen Interimsdunst zu erhaschen. Ein ziemlich talentloser Straßenmusiker, den Motown-Sound-Veteranen spielend, und eine willensstarke Call-Center-Mutter sind exemplarische Protagonisten.

Walking Ghosts im Gemüse-Hain

Den Ruinenkulissen mit dem Leseauge folgend, hegt man heimlich die Naherwartung, der Streifzug führe einen schließlich heran an die vollends verödete Todeszone. Diese bleibt jedoch außer Sicht. Vermutlich wird Mogadischu II in Inner City Detroit erst Wirklichkeit, wenn der Endkrisenzyklus sich den Hallen des Hades noch ein gutes Stück entgegenwälzt hat. Dieser Sicherheitsabstand ist flugs dahin. Es läuft die Fahndung nach dem Rettungsmodus der gesellschaftlichen Gesamtproduktion; bis dahin lebt die Prosperität als Stoff schwarzsilberner Mythen fort.



Zwischen Lohnarbeit, die sich nicht mehr lohnt, und dem Warlordwesen liegen Schattengebiete. Im Gammel-Detroit der Gegenwart keimt genau hier die autogestion. Katholische Landwirtschaftsgenossenschafter samt ihrem Häuflein williger Helfer suchen aus den mächtigen Brachland-Quadraten, deren Eigentumstitel andere horten, Verdauungs-Ressourcen hervorzuzüchten. Der Grünertrag steigert beim Mittagsmahl der stadtteilgestützten Bedürftigenspeisung das Vitamin- und Ballaststoffniveau. Dazu schlürft man Diabetikerlimo. Hier findet, wer sie sucht, eine Antwort auf die Frage, wer „am Ende des Tages“, wie der Business-Hecht textet, der eigentliche Innovator ist: der, der für Neo-Karrierebürger, kreativtätowiert und dienstleistungswillig, Smartphone-Extremsport-Apps programmiert – oder der Nachbarschaftsaktivist, der zur Versorgung seiner Suppenküche Holzkasten-Anbaumethoden ersinnt und so den Schlacken ein Schnippchen schlägt.

Ohne vier gib fünf

So mühen sich in Detroit wackere Bürger, dem Armutsmorast festen Grund abzutrotzen. Auch anderswo rackern die Abgerutschten. Im weitaus sonnigeren Griechenland üben sich Kartoffelkooperativen am selben Unterfangen wie die Brachlandgärtner. Selbstversorgung hebt das Selbstbewusstsein, ohne Selbstbewusstsein keine Gegenschlagsmoral. Doch Vertrauen ins eigene Wirkvermögen kristallisiert sich verschiedenartig: im Einzelkämpfertum des Kleingewerbetreibenden – oder, hierzu meist im Gegensatz, in solidarischer Intelligenz. Solche füllt pfiffigen Leutchen den Hirnraum, die am Werkeln auf eigene Rechnung jedes Interesse verloren haben.



Die Pole des Selbstermächtigungskosmos begrenzen auch die „Rasenden Ruinen“. Die kommunitaristische Basisregung, vom gedanklichen Ansatz her erzliberal, behält vorwiegend die Oberhand. Die vorstadtgestützten Charity-Ladys wirken bei aller Staatszweifelei mehr „für die“ als „mit den“ Deklassierten. Im Gleisbett der Wohltätigkeit von oben trifft sich dieser Bekümmerungsimpuls mit dem sozialdemokratischen deutschen. Die Hilfsquellen, die man erschließt, sind bloß andere. Hierorts setzen Unterstützungsgeneigte gern auf den Beistand von Einzelfiguren aus der Wohlfahrtsbürokratie. Manchmal ruht die Hoffnung auch auf „der Bewegung“, auf rührigen Gewerkschafts-Fachbereichen, links gepolten Zirkeln und Parteigliederungen. Solcherart Beistand begrenzt die Zersplitterung der vom Elend Geschüttelten. Dafür sind Helfer wie Unterstützte Funktionärskörpern ausgeliefert. Das Funktionärstum erklärt es nicht offen, doch es richtet seine Mühen ganz an dem Ziel aus, den unhaltbaren Jetztzustand ins Ewige zu strecken.

Galliger bellum gallicum

Welche der Widersetzlichkeitsmaschen bürgt für den krasseren Knalleffekt? Die linksgepolte Multitude-Gallerte, die sich halbwegs gesammelt hat, aber drauf und dran ist, sich im Fall des Falles auf Nebenstreitplätze lotsen zu lassen? Oder die lose Zusammenballung entschlossener, ungebrochener Leute, die sich immer neu finden muss? Irgendwo zwischen diesen beiden Linien haben die französischen Straßenbewegungen der letzten fünfundzwanzig Jahre agiert. Sichtet man deren Erfahrungsbestände, wird man vielleicht von der Einsicht durchweht, das auf und nieder sich hebende Amorphe fördere am feinsten den kommenden Aufstand – und erleichtere, was an Schwierigem folgt.



IchTelefon-Stupor

Ob südlich der 8 Mile Road, ob Neukölln, ob Saloniki, um die Phantasie steht es allerorten schlecht. Als Leuchtmarkierungen des Alltagsbegehrens dienen die Logos der Corporate-Marken; alle Waren, die sie zieren, sind preislich bemessen. Selbst in Neo-Slums und Brachlandgebieten kann man sich ein Leben, wo das anders wäre, nur unter größten Verrenkungen denken. Besonders verwunderlich ist das nicht. Die Hoffnungsprojektion, die dem Murrenden aufzeigt, wie man dem Gesamtleid ein Schnippchen schlägt, wird gespeist vom Reflexgeflacker eines ungeheuren Möglichkeitsspektrums; es umfasst die gesamte Gattungsgeschichte in all ihrer wirren Wandlungsfülle. Diese Abstrahlung wird, leider, großteils verschluckt von den schwarzbunten Löchern des Mediennebels.



Unbegriffen bleibt die Quelle des Übels. Der Siedlungsraum Detroit liegt nicht darum siech, weil das gewaltige Eifrigkeitsknäuel, das die Bewohner ökonomisch verknüpft, zu wenig Aktivität erzeugte. Im Gegenteil, in den vergangenen Jahrzehnten, attribuiert mit dem Tag „Globalisierung“, erbrachte Ingenieur-Expertise hier wie auch anderswo Erstaunliches. Sie verminderte gehörig den Schweißaufwand, den die Menschheit zu treiben hat, um die ihr frommenden Güter zu schaffen. Für sich genommen ein Ultra-Benefit; doch derselbe globale Kapitalismus, der für das Geforsche den Stachel abgibt, versagt voll und ganz an der Großaufgabe, es Menschen aller Klassen und Erdgegenden nebenwirkungsarm zunutze zu bringen.

Last Minute gen Soleil-partout

Der Fernblick nach Michigan entlarvt das Gedränge, das rund um die Wertstromquellen herrscht, als fortgezeugte Ungeheuerlichkeit. Die Arbeitszeit so zurechtverkürzen, dass die gesamte Weltbürgerschaft sich nur in Maßen verausgaben muss; das tätig Erschaffene so verteilen, dass jeder erhält, was ihn sinnlich erquickt; insbesondere unterbinden, dass die Abgehängten in den Elendsregionen, die der Weltmarkt zum Hungern verurteilt, jedem Bissen hinterherjagen müssen; und mehr noch, das, was wir Arbeit nennen, als Tagesverrichtung unterscheidbar machen vom Aufenthalt in den Trauma-Kammern, als welche sich sämtliche Lohnarbeitsstätten im Kapitalismus täglich erweisen: In den beengten Erwägungsschneisen von Nachrichtenblock und taz-Kommentar kennt man keine solchen Sehnsuchtsaffekte. Das Verlangen, sein Leben frisch zu konfigurieren, findet woanders Bestätigung.



Kirmes-Paule am Hindukusch

Die störrischste oppositionelle Haltung nimmt in den „Rasenden Ruinen“ Mike Banks ein. Der Techno-Pionier ist Mitbegründer des einschlägigen Kollektivs Underground Resistance und zählt, wie schon die Gemüsegärtner, zum losen Substitutionsnetzwerk der Diabetikerlimo-Freunde. Er verkörpert eine Art Megaphon-Intelligenz. Was anderen gefeatureten Protagonisten nach vorsichtigem Wägen dem Munde entrutscht, vergrößert er zu einer punktstarken Laufschrift. Diese ist, der Autorin zufolge, gelegentlich übergrob aufgerastert. Ob undelikat parlierend oder nicht, einer Figur wie Banks, die seit Jahrzehnten around ist, haftet ein Gegenkultur-Know-how an, das anderenfalls bei der Endloskohorte der Ex-dies-, Ex-das-, Ex-jenes-Kollegen im eigenbiographischen Nichts verränne.



Man sieht, ein bewusst zugeschnittener Klangraum ist einiges zu entfesseln imstande; erst recht ein erhabener wie der des Techno. Anders als vom Hip-Hop, dem Bruderstil, vermutet der unbeleckte Hinhörer nicht, dass er, Ausbund an Silbenarmut, für den Transport von Haltungen taugt. In den Medienstrom speist die Scene wenig ein, und wenn, dann sind es verzichtliche Gesten; Kirmestechnologe Paul Kalkbrenner etwa begab sich im Jet nach Afghanistan, um die dortigen Bundeswehrsöldner mit seinem Spätaufguss zu befeuern. Der Niederhaltung der Einwohnerschaft durch deutsche G36-Gewehre fächelt er so seinen Segen zu. Mike Banks und seine Crew verstehen die Welt anders. Dem Frühtechno haben sie, via Underground Resistance, einen greifbar subversiven Twist verliehen. Den Resident-DJ des Bendlerblocks beschämt jedes Fitzelchen ihres Outputs.

Deliziöse Schallschrauberei

Hierzulande sind Versuche gängig, Techno zur europäischen, gar Berliner Erfindung zu verklären. Der deutsche Tunnelblick, standortverwölkt, geht fehl, wie er so oft fehlgeht.



Der Urimpuls, der den Techno schuf, entstammt zweifelsohne dem Großraum Detroit. Jugendliche von unübersehbarer epidermaler Starkpigmentierung setzten ihren Science-Fiction-Fimmel der Invasion des Digitalen aus. Mit Soundmaschinen ertüftelten sie klangliche Opera neuen Typs. Ihre programmiererischen Vorhut-Taten deliverten die berühmten Belleville Three gewiss nicht zufällig in einer Region, wo die maschinelle Fabrikation so vorangepeitscht wurde wie nirgendwo sonst. Juan Atkins, einer der Drei, bekannte, an Detroit reizten ihn zuvorderst die Roboter in den Autofabriken.
Atkins begann mit Kraftwerk-inspiriertem Elektropop gefälligen Zuschnitts. Er langte an bei schlichten Konstrukten jenseits des gängigen Liedformats. Doch alles futuristisch durchspacte Gefiepe war in seiner klanglichen Neuartigkeit mit Fortüberliefertem reich durchsetzt. Man stützte sich auf rhythmische Muster von Vorgängerschulen, die von Blackness durchhaucht sind, Banks und Kollege Jeff Mills außerdem auf Rebellen-Ikonen aller Art. Die Grundierung nützte der Verständlichkeit. So fand sich rund um die Soundanlagen global verstreuter Orte ein Riesenpublikum.



No-go-Areas der Vorstellungskraft

Klagt wer, dass alte Geistesblitze hier bloß fortverwaltet werden? Und wenn, so lohnt sich das allemal mehr, als die Scheinrenovierung Babylons im Namen der „Vernunft“ mitzumoderieren. Banks, die Brachlagengärtner-Koops und alle sonstigen Connaisseure der Diabetikerlimonade transferieren Protest-Reflexe. Das gelingt nicht ohne Feinschliff-Prismen und reichlich geistige Weiträumigkeit.
Das offizielle Detroit hinkt hinterher. Für den Stadtentwicklungsprof, der im Buch zu Wort kommt, erweist Phantasie ihre Gültigkeit nur, wenn sie in Businessplänen Ausdruck findet. Die Dehydrierung von Gedankenfülle ist Basisrepertoire von Establishment-Gelehrten. Die Finanzfunktionäre von Quicken Loans, der einflussreichen Immobiliengesellschaft, die Detroit mit Glas und Stahl schönschminkt, ziehen sich nicht einmal diesen Stiefel an. Sie vereiteln jeden Move der Ruinenforscherin, höflich mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Anders als per Überredungsformeln vermag die Sorte Mensch sich schwer auszudrücken; es plagt sie die Ahnung, dass mit jeder Nacht, wo der Ameisenbau vom Tod der Königin träumt, ihre Kalküle ein Stück weniger aufgehen. Die geschäftigsten Visagisten Detroits sind in dem Buch, das ihr Walten würdigt, nur mehr per Hörensagen präsent. Das mindert nicht den Lektürewert. Der Windhauch, der die Synapsen schüttelt, weht kräftig genug aus diesem Sonderwerk der Klassenmentalitätserforschung.

Montag, 9. April 2012

Grinse-Derivate II

Rau-Gesang extraplus neque ab ovo
Guantanamo Bay, wie es singt und lacht
(Fortsetzung von: Die Kapuze als Wir(r)kzeug junger Weltabwendung)

Einen kümmerlichen Rest seiner Wachheitsstunden verbringt, wenn er Glück hat, der Jetztmensch im Freigang; die andere Hälfte über hastet und hetzt er durch ausgedehnte Käfiganlagen. In diese wird er hineingenötigt. Anders kann er sich Lebensmittel und Weiteres, dessen er bedarf, nicht verschaffen. Sich beugend der Macht der Käfigbetreiber, tritt er ihnen körperliches Wirkvermögen und unverbrauchte Lebenszeit ab. Ansonsten hat er nichts anzubieten. Zum Behufe dessen, der die Arbeitskraft ankauft, verausgabt der werktäglich Internierte Stunde um Stunde seinen Schaffensschweiß. Im Scheintausch wird ein Gehalt ausbezahlt, und erst was wir damit verkonsumieren, lässt uns Jetzige fortexistieren als atmende Kohlenstoff-Aggregate. Unversorgt würden wir binnen kurzem wie ausgedörrte Vitalorgan-Fladen unser bescheidenes Leben aushauchen. So weit, im Grundsatz, das Stoffwechsel-Schema des Kapitalismus, wie wir ihn kennen.


Doch die verstoffwechselte Wertsubstanz verdünnt sich stetig. Erdballweit schrumpft die Zahl der Lohnarbeitssubjekte, die etwas Verkäufliches produzieren. Die Masse stellt personennahe Services bereit, plagt sich in administrativen Funktionen, modelliert chimärenhafte Medien-Wolken, disponiert und kalkuliert und managt Kenntnisse. Die häufig im Mund geführte Tertiarisierung, die Verlagerung wirtschaftlicher Aktivität auf das Endlosterrain der Dienstleistungen, ist lediglich eine Schonbezeichnung für den ungemein heiklen Erschöpfungszustand, in dem der Spätkapitalismus sich befindet.
Und ebenjenes Verwitterungsmilieu bildet das Ovarium des Liebegrüßewesens.

Tertiäre Seichtbiotope

Die mikrotechnologische Revolution hat den Ausbeutungsmodus der Nachkriegszeit zersetzt. Hochtechnisierte Fertigungsinseln verschlucken ungeheure Investitionen. Die Quelle der Wertschöpfung bleibt aber der Mensch. Seine Verdrängung aus dem Produktionsprozess macht es dem Kapital unmöglich, mit großangelegter Warenproduktion eine genügende Menge an Profit zu hecken. Anlageträchtige Riesensummen werden darum auf Trips geschickt, welche die Erzielung passabler Renditen systematisch herbeisimulieren: Ein Investor zieht Gewinn aus dem Verkauf von Anteilsscheinen, die er sich geliehen hat von einer Bank, welche damit wackelige Hypotheken auf ebenso wackelige Neubauten absichert, die eine dritte, am Rand der Überschuldung dahintaumelnde Immobiliengesellschaft mit Finanzmitteln hat errichten lassen, welche die Regierung über „Rettungspakete“ in die Mutterbank injizierte. So wird jeder erwirtschaftete Industriedollar fünf- und zehnfach kreditär gespiegelt und durch Vervielfachungsschleusen gepresst.


Es türmen sich so reine Gespenster-Renditen, überdehnte Ableitungen des bekannten Kaufmanns-Schemas „Geldbetrag tauscht gegen Ware tauscht gegen vermehrten Geldbetrag“. Im Verlauf dieser virtuellen Operationen fluten, immerhin, gewisse Einkommensströme in den sich blähenden Dienstleistungssektor. Die Empfänger fragen auf dem Warenmarkt Mittelklassewagen und iPads nach. So wird beständig das Trugbild nachgezeichnet, es sei ein vitaler Kreislauf im Gange. In Wirklichkeit vollzieht sich hier künstliche Ernährung kurz vor dem Ausfall der Beatmungsmaschine. Robert Kurz, der emsige Drittbändler – bezogen auf den dritten Band des Marxschen „Kapital“ –, summiert diese Vorgänge vollauf zutreffend unter dem Schlagwort „die Himmelfahrt des Geldes“.

Herzblut-Destillation

Am kräftigsten pumpt der Dienstleistungs-Blasebalg rund um Unternehmungen und Personen. Die Substanzarmut entsprechender Profitgenese beeinflusst den Zungenschlag des Personals. Ob als Freelancer schäumender Krisensee trotzend, ob aufgehängt im Trockendock des Angestelltentums, wer nah am Menschen seine Dienste feilbietet, macht in Tausch- und Austauschbarem, das an jeder zweiten Straßenecke nahezu identisch zu haben ist. Im Umgang mit Kunden, Gästen, Mitarbeitenden bestimmt folglich mehr der Ton die Musik, als das inmitten der Fertigungsinseln bei Daimler in Untertürkheim der Fall ist. Der Drang, durch Herzlichkeit herauszustechen, bildet den Urgrund der Sitten-Versüßlichung. Auftragskünstler, DJs, In-Kneipiers und sonstige Betreuer von Wellness-Gummizellen veredeln das Schauspiel durch Schöntu-Gestik und sichern den Nachschub an Lockerheits-Phrasen. Das Verblödungsgeplätscher des Radioprogramms leitet die gesammelten Vergnügtheitsvokabeln schließlich ins Alltagsgerede hinein. Showbiz-Sternchen tun ihr Übriges. Ergebnis ist jene Überhöhungssprache, die uns jeden Tag frische Freude schenkt.


Solche Ranschmeiß-Herzlichkeit nutzt Thermo-Gespinste von kaum zu unterbietender Fadenscheinigkeit. Die Eingewickelten sind austauschbar. In ihren spiegelbildlichen Rollen sind Geber und Empfänger ja so gleich beschaffen wie die Geldscheine, derer sie beide bedürfen, um ihre halben Leben zu fristen. So finden wir nur wenige Bogensekunden jenseits der rosa Wattebäusche die Tauschverhältnisse der Warenwelt in altbekannt reiner Erscheinungsform vor.

Business-Class, Tränengas

Die Warenwelt glänzt an der Oberfläche, die Essenz ihres Daseins bilden Schweiß und Qualen. Das Nah-am-Menschen-Sein, in diesem Fall: am Kunden, wird folglich von Regungen akkompaniert, die jeder Galanterie entbehren. Das grinsefreundliche Angestelltentum ist einstrukturiert in ein stummes Gemetzel.
Für die Vernichtungsmanöver der Marktkonkurrenz bedarf es keiner Sturmgewehre; Waffe der Wahl ist die Dumpingpreis-Peitsche, und jeder, den es in die Arbeitswelt verschlägt, wird auf den Kraftakt eingeschworen, die Mitbewerberschaft aufs ärgste zu bekämpfen. Organisiert in Vertrieb und Marketing, ficht ein erheblicher Teil der Workforce den lieben langen Tag solche Schlachten aus. Die milliardenfach vorgezeigte Freundlichkeitsmaske verfügt somit über ihr Komplement in milliardenfach betriebener Feindseligkeit; die Verniedlichungspropheten des falschen Ganzen sagen „gesunde Konkurrenz“ dazu. Der Geschäftsalltag erweist, was Liebegrüßetum ausmacht: Es ist Süßstoff für bitteres Rendite-Interesse. Auf Dienstleistungsmärkten, die sich stetig verengen, erhöht sich im Quartalstakt seine Dosierung.


Dem Customer-Relationship-Management-Kalkül, aus dem heraus Herzenswärme angefacht wird, entwächst in dialektischer Doppelverschränkung zugleich das genaue Gegenteil. Im After-Work-Freigang blüht die Saat der großen Prügelei um Marktanteile. Der Speichel an den Lippen desjenigen, der deine Wange zum Gruße beschmust, enthält allzu oft die Bittergalle des unversöhnlichen Gegeneinanders. Mit „Lieben Grüßen“ dekoriert der Freiberufler den Abspann eines wortreichen Schmeichelschreibens. Auf den zweiten Blick erschließt sich, dass dies seine Art ist, bei einem halbbankrotten Auftraggeber fällige Zahlungen anzumahnen; der Säumige ist, wie so häufig, Brötchengeber, Facebook-Buddy und Conférencier der nächsten lässigen Off-Space-Party in ein und derselben (Un-)Person.

Spaltungs-Umhalsungen

Das Kontaktumfeld des gewieften Stylers besteht aus konzentrischen Cliquen-Kreisen. Der amorphe Pool, der an den Rändern verflacht, bürgt für flexible Bedürfnisstillung. Zur Versorgung der Insassen dieser Scene reicht der Herzwärme-Speicher hin. Für Hartzies und andere Schnorrergestalten bleibt nicht mehr als ein Lippenzucken. Der Funktionär der Marktbalgereien, der fidel die Frankfurter Fressgass durchmisst oder das nachgestellte Mittelmeer-Flair der Straßenkaffees in Mitte genießt, hat Übung darin, das Elend zu meiden. Ist das Abscheuliche glücklich umschifft, setzt in wohliger Heizpilzwärme lärmend die Umhalsung des In-Circles ein. Fürs Sich-ineinander-Verkrallen genügt es, knapp in den nächsten Umkreis zu blinzeln. Für Weitblick besteht kein Anwendungsanlass.


Gemessen an dem, was wirklich ist, befindet sich jener Menschenschlag im Bann einer gewaltigen optischen Täuschung. Die Welt erschöpft sich nicht in wohlfrisierten Klüngeln; sie bildet ein üppig verästeltes Geflecht, worin sich lebenspraktisch die Einzelnen billionenfach aufeinander beziehen. In diesem wechselhaften Gewoge bildet die Ökonomie die Achse. Sie will als so bedeutend uns meist nicht scheinen. Doch ohne dauernden Vitalstoffzufluss vergeht selbst der leichtesten Schwebeseele die heitere Neigung zum Socializing.
So kristallisiert sich am entferntesten Beispiel, was wir an oberem Orte sagten über den Mensch als Kohlenstoffreaktor: Die Versorgungskanäle für Nahrungsbeschaffung, Obdachsicherung und Außenhautschutz bilden, gerne ganz unreflektiert, die Prinzipal-Aorten jedes Menschenlebens. Sie sind eingelassen in das Liegenschaftskataster von Kapitalismus und Patriarchat. Um die Nachschublinien der Reproduktion wächst im Bewusstsein des Einzelnen die schlammige Landschaft seiner Weltauffassung. Hier gedeihen Mode und Geschmacksurteile. Für den Lebensweg, den mikrokosmischen, bilden sie scheinbar den Wandelgrund; die ihnen entsprechenden Umgangssitten werden als Spiegelungen nicht erkannt, sondern für die Hauptwegweiser gehalten. Doch sind sie bloß Erzeugnisse enger Milieus und so modisch vergänglich wie das, was man am Leib trägt.


Bunte B-Film-Helden

Die Ideologiefabrikation bestätigt tagesaktuell jeden Trugschluss. Aus dem heiteren Himmel der Medienwolken regnet es bevorzugte Automarken, Lebensziele und Wohnquartierwünsche. Dies Fallgut bildet die Grenzmarkierungen, mit denen man sein Wirkungsfeld argwöhnisch absteckt. Den meisten unter uns erscheint es undenkbar, einen anderen Hosenschnitt als den zu präferieren, den wir vom Umgang mit der Mitbürgerschaft als vertrauten Anblick zu empfinden gewohnt sind. Mit ekelgeladener Mimik quittieren wir Hosenbein-Anmutungen von vor fünf Jahren. Die Wiederholungsschleifen des Mattscheiben-Zirkus, die sich über Jahrzehnte erstrecken, belegen die Vergänglichkeit der Ankleidesitten zwar in überbunter Anschaulichkeit. Der Gedächtnisstarke beschmunzelt dies wissend. Doch entrinnt auch er nicht dem steten Zwang zum Auffrischen seiner Kostümierung.
Unversöhnlicher Nonkonformismus bleibt Betätigungsfeld für Charakterkünstler. Abzuweichen, aus der Spur auszuscheren, solches Tun stürzt die Schüchternen, Unsicheren, weniger Gewinnenden in schwärzeste Ängste. Man kann es ihnen nur schwer verdenken. Mit dem Werben um Zuwendung ausgelastet, zweifeln sie vielleicht, doch sie verharren im Glied. Der wahrhaft Korrupte ist der grobe Stabile. Er taucht mit Wonne in den Modestrom ein, um seine Manipulationskraft zu steigern und, wen er packen kann, sich zu unterwerfen.


Je offener sich die Selbstausgestaltung im Nachbau von bestaunten Idolen verwirklicht, desto drohender grenzt der Gewohnheitsnarzissmus an milde Psychopathologie. Insofern ist die Mode Beweisaufnahme. Indem man ihr nachfolgt, wird der Welt angezeigt, wieweit man sich anzupassen vermag. Das Feld des Simulationsunterfangens ist dabei ohne besonderen Belang. Klangvorlieben, der Lichtspielgeschmack, gesellschaftspolitische Meinungsansätze backen im selben stickigen Ofen. Die Trendmuster werden beflissen kopiert und erregen umstandslos Wohlgefallen im blöden Auge der Anspruchslosen. Überflüssig fast, darauf hinzuweisen, dass jeder, während er dem anderen gleicht, sich der Einbildung hingibt, hocheigen zu sein.

Geschmacksknospen-Dürre

Zwar böte die modische Selbstherrichtung vielerlei Gelegenheit zur Ich-Entfaltung. Doch solange der Markt die Bedürfnisse vorformt, ist mit Schablonen vorlieb zu nehmen. Sinnlos schlingert ein Planet durchs All, dessen Einzelbewohner der Übung frönen, sich banalen Geschmacksmustern ähnlich zu machen. Das Ausmaß, in dem solcher Ausstaffier-Drang in jungen Herzen eine Heimat hat, verhält sich proportional zum Rückbau solidarischer Umgangsformen; aus deren verwaister Krume schießt schließlich die hier verhandelte Scheinherzlichkeit.


In solchen Zurichtungs-Praktiken ergeht sich zuvorderst der Erfolgsmenschenschlag. Ihn polstern tribalistische Nahumkreis-Puffer. Bestätigung innerhalb des engen Zirkels, den man als seinesgleichen erkennt, korrespondiert mit der Unfähigkeit, Überpersönliches nützlich zu finden. Man ist Konsument und begehrt „schöne Dinge“; jenseits dieser Gemeinsamkeit fühlt man sich mit der Welt nicht verbunden. Die Verständnislosigkeit, die der Anwurf erregt, in Betrieb sei hier das soziale Sensorium eines frisch beförderten Pavianhauptmanns, ist tief empfunden und nicht gespielt. Er sei chillaffin, wendet der Sneaker-Hecht ein, sowie hochgesellig und talkerprobt. Stimmt, er liebt es, Party zu machen: mit den paar Seinen, ansonsten mit keinem. Unter den federnden Ledersohlen verzischt der Glimmscheit der Solidarität. Wo Fitnessstudios boomen, darbt die Gewerkschaft.

Nachgeschmackssache

Und doch, obgleich solche Abschmatz-Settings an Berechenbarkeit nichts vermissen lassen, kosten sie die Follower Schweißanfälle. Die Handhabung der Codes verlangt einige Übung, Updates verzeihen keine Unaufmerksamkeit. Gebündelt wird lediglich Hingenommenes; man erleidet es, statt daran mitzumodellieren. So ist manche grinsende Wangenkuppe muskelwurzelwärts ganz heillos verspannt. Woher die Melange aus Erbauung und Hirnstress? Was lässt die Emotionalantipoden sich so hochkohärent miteinander vermischen?


Den von Drangsal nicht freien Enthusiasmus, mit dem man in lieben Grüßen badet, speist nicht die bloße Nachahmungssucht. Das wahre Movens ist woanders zu suchen. Es wird erst in dem Augenblick kenntlich, da das Blinzelauge sich bodenwärts senkt; durch die Blickschneise huschen dann die Abgehängten, die, die keine Entscheider sind und selbst daran scheitern, wie solche zu wirken.

Proaktivierte Unterlinge

Den Erfolgsgewohnten, Emporgestiegenen, seit je an der Spitze sich Haltenden ist das Leben eine große Bühne. Das der Unteren hingegen nannten wir: Käfig. Die Massen mit Ebbe auf dem Girokonto, die durch den Schlick der Verschuldung waten, erfahren im gelobten dritten Jahrtausend, wie grässlich das Zuchthaus der Mehrwert-Auspressung sich binnen weniger Jahre verengt hat. Scharf saust die Peitsche der Zielvorgaben, sie setzt bei der Arbeit das Hetzregime durch. Plackerei und Zeitraub vergiften die Jahre.


In diesem Ambiente reift eine Ahnung. Man spürt, dass man keineswegs würdiger Vollmensch im Sinne von GG Art. 1 ist, sondern ein Stück rentierliches Nutzvieh. Dieser Empfindung nach, herübertradiert aus vergangenen Unmutszusammenhängen, bevölkert man nur zu dem Zweck die Städte, den Reichtum der Reichen weiter zu mehren. Die Antireformen der rotgrünen Clique aus den Jahren 2002 fortfolgende mengten in dieses Deutungsmuster eine Prise bitteren Hasses hinein. Es verfestigte sich die provisorische Meinung, man selbst sei mies dran, weil es der Porsche-Brut gut geht.
Immerhin wirken Drohappelle, die auf Selbstvermarktung der Geduckten pochen, im Funzellicht solcher Ahnungen lachhaft. Man erspürt die kleingedruckte Forderung, Gewalt und Willkür der wirtschaftlich Starken als Schicksalshereinbrüche anzuerkennen. Verführerisch glitzert das Katzengold der Individualisierungs-Versprechen; unter dem Lack dräut bleigrau Verhartzung. Lebensunterhalt, geschlechtliches Treiben, die familiäre Versorgungsgemeinschaft? Wer gerade so eben den Überblick behält, kommt, wenn es gut läuft, mit Atemnot davon. Schlimmerenfalls winkt Verfolgungsbetreuung durch nervenversengende Menschenkürschnereien wie Jobcenter und Agentur für Arbeit.


Palliativer Engtanz

Im Peloton der Strampelnden wächst die Verwirrung. Trotzdem kommt es dazu, dass die Vermehrung der Drangsal der Sittenversüßlichung den Weg bereitet.
Bei der Meute, des Fäusteballens längst entwöhnt, wird das gesamte Weltverständnis durch Serien von Filtern abgesoftet. Unter allen Begradigungsverhältnissen bewirkt das Geschehen am Arbeitsplatz zweifellos die kräftigste Disziplinierung. Hinzu tritt der Besänftigungseinfluss, den der Aufenthalt im Freundeskreis mit sich bringt. Das Bestreben, im informellen Menschenumfeld seine Kelle Anerkennung abzukriegen, erzeugt einen Starksog hin zur Middle-of-the-Roadness.
Das Finish liefert das Fernsehprogramm. Die Süßlichkeitssitten der Jeunesse dorée triefen durch die Kabelkanäle in die Trockengebiete der Discounter-Dörfer, Stadtrandsiedlungen und Plattenbauten. Das aus dem Promi-Sumpf Importierte bauen Millionen und Abermillionen in ihre strassverzierten Elendsleben ein. Der empfangene Süßstoff polstert wie eine Matte, auf der sie vom Weltenlauf ausruhen dürfen.


Den Rest macht berechnende Ranschmeißerei. Kassiererinnen an Supermarktkassen, von Marketing-Quacksalbern instruiert, wünschen einem „Einen schönen Tag noch“; je ungewisser das, was der Tag bereithält, desto eher entrutschen dem Kundenmund sogar ungestützt derlei ranzige Phrasen. Die Tüte wird aus dem Laden geschleppt, und es wartet auf einen die Umhalsungsfalle des Partners der Bekannten der Ex-Kollegin eines eher entfernten Freizeitfreundes.
In Zeiten der Zerrüttung belohnt vage Geborgenheit für en passant erklärte Herzensliebe.

[Nächstens folgt: III. Rau-Gesang (und Schluss)
namens: „Schweißnähte in HTML“.
Darin: Schadobst-Geschimmer / Breschnew Zuckerberg / Lass stechen, Alter. Etc.]

Mittwoch, 8. Februar 2012

Grinse-Derivate

I. Rau-Gesang:
Die Kapuze als Wir(r)kzeug junger Weltabwendung

Durch die kaufkraftdurchtränkten City-Areale treiben die Styler ihre Shopping-Pfade. Es lockt die schnelle Latte bei Starbucks. Allzu Abscheuliches wird kundig gemieden; Unterschenkel-Grind, filziger Bartwuchs sowie, allgemein, das Flair Südosteuropas vergällen dem Angestellten die Schlürflust.
Doch Kümmerlichkeit lauert allerorten. Sie mag einem gar eines Werktagsmorgens beim Abstieg hinab zur U-Bahn begegnen: zum Beispiel in Gestalt einer Nachwuchsperson, die, auf der Treppe zusammengekauert, von Dringlichkeitsbürgern im Slalom umtanzt wird. Der Sitz-Teenager, nicht unadrett, birgt das mürrisch verzogene Antlitz zwischen den Kuppen der biegsamen Knie. Eine Stirntolle baumelt, man sucht seine Augen; der, die Kauernde scheint ganz bei Sinnen. Woher der Eindruck der Stimmungs-Baisse? Das macht die Kapuze, die das Kopfoval einhüllt.


Der Anblick missfällt. Er beschwert die leichte Muse, die von den Video-Großbildschirmen auf die Scheitel der Wartenden rieselt. Denn der Verbund der Personentransportgewölbe knistert in der Frühe vor Ansehnlichkeit. Er präsentiert sich als Riesenbehältnis unausgesetzter Günstigkeitsreize. Die Beförderungsgeneigten sind Momente zuvor erst den heimischen Herrichtungskammern entronnen; in Ausleuchtungspose vorm Waschbeckenspiegel haben sie Gesichtsschründe restauriert und sich, wie um dieses Werk zu vollenden, mit konfektionierten Düften besprenkelt. Konfligierende Wohlgeruchs-Gewölke, die Nasenkranke in Deckung gehen lassen, durchwehen fortan die Bahnhofsinnereien. Staunend durchschreitet der gewöhnliche Fahrgast jenes Hilfs-Hollywood der Selbstherausputzung. Ein verdrossener Sitzling samt Schädelbeutel verstört inmitten solch berückenden Settings; nicht weniger, als es die Bahnsteigerscheinung einer ganzgesichtsgetarnten Fremdfrau vermöchte.

Patienten-Slalom

Die Kapuze als Bekleidungsanhängsel birgt einen Sack voller Ungereimtheiten. Noch wenn der Beutel schlaff im Nacken ruht, symbolisiert er die Entschlussmöglichkeit, das Haupt als Depot des Zentralorgans, des Hirns, dem Suchblick der Welt jederzeit zu entziehen. Verhüllt sich die Person, die auf den Stufen lagert, zum Schutz vor dem Groll, der die Gebremsten erfüllt? Deren Seufzen und Grummeln, dieses Unmutsgemurmel, erweist sich im Verhältnis zu der Klaglosigkeit, mit der sie den morgenfrühen Hintransport an Stätten der Unlust zu erdulden bereit sind, als klassisch beschaffener Ausweichaffekt.


Zum Glück schäumt solche Galle nicht in sämtlichen Gemütern. Das Slalomobjekt hat durch sein Störertum sich der drängelnden Fahrgastmasse entähnelt; so findet mancher in dem Sitzmonument seinen jetztzeitlichen Überdruss widergespiegelt. Die Kapuzenüberstülpung, der Auf-sich-selbst-Rückzug, hebt die Lage für die Dauer eines Lidschlags in einen lehrreichen Zustand empor. Subjektivität zwinkert mir entgegen. Der Klammergriff der Umstände lockert sich.

Lockruf der Leere

Was garte da nun, was erkaltet allmählich unter der Kapuze der Sitzperson? Raten wir nicht, sondern linsen wir in uns.
Dereinst Durchlebtes pflastert die Pfade, auf denen wir halbblind durch die Gegenwart wanken. Die sogenannte Vergangenheit ist, wo immer diese den läppischen Zeitstrahl persönlichen Erdaufenthaltes touchiert, eigenbiographisch geflecktes Terrain. Als Tapeterie der bewussten Innenwelt wird sie zu wenig abstrakt aufgefasst. Diese endomnemonische Blickverengung lässt einen flugs zu dem Fehlschluss neigen, Erfahrenes gehöre allein einem selbst an. Es gilt, ein paar Fusseln davon aufzuklauben. Der Fund erweist sich als schnöder Abrieb jener besonderen Sorte Zwirn, die fern der bornierten Binnengeflechte Abermillionen Knoten ausbildet.


3 ½ Jeanshosen-Zyklen zurück. Psychohistorisches Spektrogramm des dahingedunsteten Jahrtausend-Endstücks. Der Weltzustand damals schon: hochdubios. Ganz gleich, ob es draußen erst dämmerte oder das Schnarchgemach blendend erhellt war, man hatte zu frühester Morgenstunde der Nachtlagerwärme zu entkriechen. Unwillig schlurfend leiteten die Füße, in Basketballstiefel eingeschnürt, den jugendlichen Leib Richtung Unterrichtsanstalt. Ein Bahnhof, Lagerhallen, Kopfsteinpflaster. Diesen Teil des Wegs säumten Gründerzeitfassaden, deren grellbunter Anstrich die Lebenszwecke der hier sich Bewegenden zu parodieren schien. Quadratisch eingefasste Buschrabatten folgten, die Autobahnbrücke, das Geländer rostgeplagt. Am anderen Ufer des Schnellstraßengrabens der Bröckelbeton einer betagten Siedlung. Reihenhausreihen und Mehrstockquader, die Straßenränder bereits gelichtet von den Automobilen der Frühaufgescheuchten, die es zur Arbeitsstätte hingesaugt hatte. Den Gehwegasphalt, achtlos hingegossen, durchbrachen von Schwären gezeichnete Wurzeln.


Der Unfrohe setzte sein Stapfen fort. In der Bauchtasche surrte der Walkmanmotor. Kopfhörer wölbten sich unter der Kapuze, desperater Sound-Sud kroch durch den Schaumstoff. Über den treppenhaften Flachdach-Silhouetten tagte graublau die Himmelsglocke; ein passenderer Schimmerfond ließ sich schwer denken.

Endokriner Juckreiz

Die Kapuze war doppelwandig, straff, grau und spitz. Sie wurde zumeist im Verlaufe des Marsches über den stoppeligen Kopfbewuchs gezerrt; je nach Befindlichkeit geschah es indes, dass sie zur Gänze im Nacken verblieb. Das Endorphin regulierte den Schallfluss. Bei ausgeprägterer Weltzugewandtheit wurde die BL’AST!-Kassette eingeschoben. Verdrossenheit, der üblichere Zustand, rief nach dem Düsterensemble Black Sabbath. Die zähe Tristheit deren früher fünf Alben eignete sich ausgezeichnet dafür, das unfrohe Wandeln letzten Schwungs zu entkleiden. Die schrille Klage der Gesangspassagen trieb den Kapuzenjugendlichen dem Negativklimax beständig näher: dem Moment, da die äußerste nördliche Glastür der vorgelagerten Schulbebauung aufgestemmt und durchschritten sein würde. Der Zerdehnung des Unvermeidlichen bis an den widrigen Limes heran, da die rettende Vereinzelung dahinschwinden würde, dienten weitere Gebarensweisen. Dazu zählte, den morgendlichen Wandelpfad durch Umwegpassagen künstlich zu strecken. Mitschüler, die auf dem Rad vorbeiglitten, standen im Ruche der Kollaboration mit der allzu bald sich regenden Belehrungsmaschine. Sie kassierten nicht mehr als ein knappes Winken oder verfielen gleich ganz der Missachtung.


Ratsam war, sich diesen Zumutungen per vorgeschützte Unpässlichkeit zu entziehen. Doch behauptete im Ganzen der Halbzwang die Vormacht. Der Kapuzenspitze ein Wippen mitgebend, schwebte der Turnschuhfuß über die Schwelle. Die Finger tasteten den Walkman aus, als erführe der Trostklang, der das Hirn beflockte, durch Eintritt ins Gebäude eine Kontaminierung.

Distanzschule, Sekundarstufe II

Auf dem Schulhof, vom Kapuzenknilch mürrisch beschlichen, entfaltete sich das Miteinander längst in seiner angestrengten Immergleichheit: tändeln, höhnen, gute Miene machen. Die Begegnungsrituale der Mitschülerschaft nahmen sich karg aus im Vergleich zu später, da Beküssungsdrang und Umhalsungswut sich der Allgemeinheit bemächtigen sollten. Doch schon dieser tastende Überschwang ließ den Betrachter einen Umgang erahnen, der die Randzone wahrer Begegnung bloß streifte. Es war äußerer Druck, was die Jugend bewegte, zum Abrichtungsstützpunkt hinzuströmen, und die krude Struktur der Zwanghaftigkeit fand Deckung hinter seidigen Grinsegewändern.
Die Elternwelt samt ihren Unerquicklichkeiten verbarg sich in einem Kaschier-Arrangement. Sie wurde gerade auf diesem Umweg getreuestermaßen vorausmodelliert. Wem Unwilligkeit den Blick geschärft hatte, für den schielte die innere Stechuhr durchs Gewebe, Zentralutensil des Sadomaso-Gehampels, das im Lagerwesen namens „Karriere“ die Zuteilung der Schulterstücke besorgt. Die geschlauchten Insassen bleiben in Schuss, solange der Interims-Kurplan anschlägt: nebenwirkungsarme Beruhigungspharmazie, wochenend- bis täglicher Ethanol-Einlauf, zyklisch betriebener Sonnentourismus.


Der Vorausschatten dieser Klinikfabrik verdunkelte den Schulhofasphalt. So glichen die Gesten der Kontaktanbahnung dem jämmerlichen Nahtod-Gezappel, das eben aus dem Netz geschüttelte Fische auf Trawlerplanken zur Aufführung bringen. Die Geübten wussten sich das Japsen zu verbeißen; ganz abgesehen von denjenigen, die, längst hart im Griff nervöser Genusssucht, Glimmstängel-Qualm in ihre Bronchien saugten.
Vor all dem barg der Bekapuzte das Haupt. Die Kopflarve war Sweatshirt-Stoff gewordenes Murren. Betrauert wurde das verrinnende Leben; einer seelischen Entzündung gleich waltete der Eindruck, man gebe in der Anstalt seine Lebenszeit hin, ohne dass man wüsste, was man sonst beginnen sollte.

Schicke Scheiße, Prolet

Die Kapuze, dieser schweißsaure Nackensack, galt in vormillennialer Zeit als geradezu drolliges Kleidungsanhängsel. Zur Reinform vernäht, dem Kapuzenpullover, wurde sie geschätzt von Unterstufenschülern, Sportskameraden und Zeltplatz-Urlaubern. Man erachtete sie als Regressions-Artefakt, zum Einsatz gebracht von Unschuldigen, die ohne Triebstau durch die Landschaft tollten, als gewebten Gruß einer Verpuppungsphase, die der sich verernstende Leistungsbereite unter heftigem Kieferknirschen hinter sich lässt.


Eingenäht in den Alltags-Habit kam die Kapuze einem Aufruf gleich. Ihr Träger gestand ein, sich der Mode nicht zu fügen. So schimmert gelegentlich das Ganz-Andere – notwendig flüchtig – in Anti-Stilen auf.
Im dritten Jahrtausend ist die Nischenexistenz solcher Nebenmoden passé und perdu. Die Vielheit medialer Verstärker bedingt, dass fünf, sechs frühere Subkulturstile eklektisch durcheinandergemischt und je nach waltender Tageslaune als Identitäts-Kit angeschirrt werden. Die Kapuze findet sich eingereiht in die Zeichenkolonnen lässigen Chicseins. Umso mehr muss, wen es nach Wirrkung verlangt, den Verhüllungszweck sich zu Eigen machen. Treue gegenüber der Urfunktion stellt zum Beispiel unter Beweis, wer die Kapuze auch bei Starkhitze aufstülpt. Mehr als zu anderen Trageanlässen verleiht er so sich die Pose des „gegen“. Anleitung bieten Videoclips von Hip-Hop-Schaustellern und anderen Vertretern generisch verfasster Nebenkulturen.


Push-up-Stammhirne

Über die abgeschmackten Fuchteleien domestizierten „Untergrunds“ herrscht, mit Wucht, der banale Hauptstrom. Saison für Saison wird aufs Neue bestätigt, dass jederlei Mode Gehorsamsübung und Anpassungssyndrom in einem ist. Für jeden, der sich im Hier und Jetzt aufhält, stellt sie das optische Eichmaß bereit. Ihre gestern medial in Umlauf gebrachten, heute voll Eifer nachgebeteten und morgen verklappten Gewandungskatechismen verwirklichen sich in der Leichtflüchtigkeit von Youtube-Geruckel und Promi-Schnappschüssen.
Diese Ungreifbarkeit täuscht darüber hinweg, wie sehr das Mysterium der Stil-Etablierung von hermetischen kulturellen Zirkeln beherrscht wird. Einem hilflos fixierten Schädel gleich, der mit klaffendem Schlund im Klosett-Ablauf feststeckt, werden die Sinnesorgane der Massen von Geschmacksmustern pausenlos überströmt. In stammhirnnahen Bewusstseinsregionen landet das Angeschwemmte an und formt sich zu Akzeptanz-Dämmen aus. Diese sind hochfest und changierend in einem.

In Grüßgewittern

Die Mode führt im Schlepptau das Beliebtheitsbegehren. Der Wohleindruck, den die Außenhülle günstigenfalls in das Umfeld spiegelt, wird mit Silbenkleister aufgeschäumt. Der Schmelzpunkt ist im Verlauf der Jahrzehnte kontinuierlich abgesunken. Der Schleim schillert wie ein Make-up-Film auf den Sprechblasen eines Zeitgenossen, dessen Tagesration ein erklecklicher Anteil an Seifenopern-Folgen beigemischt ist.


Die Kernstruktur dieser Gefallsucht-Sprache erschließt sich besonders im Prüfvergleich. Man nehme die Epoche vor dem Mauerfall. Ein Malochertum prägte das Massenbewusstsein, dem notfalls, wenn wer nicht spuren wollte, mit giftigen Standpauken nachgeholfen wurde. Zwar erwies sich im Ergebnis der Libertinage, die Ende der Siebziger Jahre auf Grund lief, das Klemmi-Gestammel der Bollwerks-BRD als von Hobbykeller-Redensarten aufgeweicht. Doch die Überschwang-Spirale lief untertourig. Ein Schreiben an eine Mitperson etwa, die einem lediglich flüchtig bekannt war, wagte man erst mit „Lieben Grüßen“ zu beschließen, wenn man intimeren Umgang erwog. Ganz anders in der Fun-erpichten Gegenwart. In manchen Winkeln der Dienstleistungs-Manege markiert die besagte Liebe-Grüße-Floskel den Mindeststandard aller Schriftlichkeit.

Silbensolarien

Beispielphrasen dümpeln in Mengen durch die Bassins des Alltagsschwalls: Zur Bestätigung der Fernsprechmitteilung „Ihre Bestellung liegt bereit“, wie sie im Geschäftsleben tausendfach vorkommt, genügte es einst, vollkommen sachlich „In Ordnung, bis morgen dann“ zu erwidern. Inzwischen lässt jedermann ein „Super!“ fahren. Das angehutzelte „Kein Problem“ wurde zum „Alles gut!“ aufgeblasen. Und der Dank fühlt sich unwohl als einer von „vielen“; nur der „viele liebe Dank“ erfrischt junge Herzen.


Der Superlativ gerät zum Allzweckwerkzeug. Durch die Landschaft suppt ein Überhöhungs-Gelaber, das allein zu dem Zweck geschaffen wurde, fade Sachverhalte schönzufärben. Aus jedem Darmwind wird ein Party-Parfum, das schnödeste Besäufnis zum Chill-out-Event. Das Gehabe ist hier selbstverständlich eingeschlossen. Schon wird der Händedruck als Geste verdächtigt, mit der man sich den Nächsten vom Leib zu halten wünscht; wer Mitbürger nicht willigen Sinnes umhalst, kriegt mir nichts, dir nichts nachgesagt, sich allzu kühlschrankhaft aufzuführen. So werden um drei Ecken miteinander Bekannte in Überschwangsmanöver hineingetrieben. Heiter schlingen die Markt-Monaden ihre Tentakel umeinander und busseln sich die gecremten Wangen.

Schmiere und Schande

Der Dienstleistungsmensch rückt dir auf die Pelle. Seine Fröhlichkeitsübungen begreift so mancher als unliebsam blendendes Lichtspektakel. Sich per Kapuze davor abzuschirmen, verrät zunächst einmal Meinungsstärke. Jenseits davon gären flaue Affekte, eine uneingestandene Kümmernis etwa, erzeugt und konserviert durch den Heuchelspaß-Reigen, der dich tagein, tagaus umwogt.


„Harmlosigkeiten“, mag eingewandt werden. Tatsächlich besitzt die Gruß-Nahbereibung, geschehe sie verbal oder epidermal, für sich genommen nichts Anstößiges. Die Sitten sind Schmierstoff im Personenverkehr, sie bilden das Fluidum der Lebenspraxis. Doch wer beim Gleitfilm Halt macht, dem verklebt es die Erkenntnis. Man muss von der Schmiere zum Geschmierten vordringen.
So nähern wir uns der Gattung Homo und allen, die man ihr zuschlagen mag, über ihr Dasein als Kohlenstoffreaktor. Aus diesem besonderen Auffassungswinkel verzwergt aller Style, alles Gestentum. So unstet der Metabolismus blubbert, so spurlos verwehen die Silbenwinde; die Brennkammern fordern anderen Treibstoff.


[Demnächst folgt: II. Rau-Gesang.
Betitelt: „Guantanamo Bay, wie es singt und lacht“.
Darin: Tertiäre Seichtbiotope / Business-Class, Tränengas / Geschmacksknospen-Dürre.
Und manches mehr.]