Tritt uns mit der Klangform der Soulmusik endlich das ersehnte Andere entgegen?
Der Soul ist typische Hervorbringung der nordamerikanischen Bedrängungsgesellschaft. Formlos geformt dem Bevölkerungssegment der dunkel pigmentierten Halbbürger entstiegen, destillierte sein Sound die Hoffnungs-Aromen, welche noch der allertiefsten Hoffnungslosigkeit in Spuren und Resten beigemischt sind. Im Bereich der populären Massenmusik verkörpert er vermutlich die legitimste, da am wenigsten artifiziell verzüchtete Nachkommenschaft der Verschleppten-Choräle. Die Zerstreuungsindustrie nahm sich seiner früh an; die Zurichtung, der sie ihn unterzog, erfolgte in derselben kulturellen Kaltzeit wie der Boom des prahlerisch lärmenden Rockismus.

Der Schaumbildung irriger Weltauffassung wirkt der Soul damit längst nicht entgegen. Andersherum, er etabliert Vortragsformen, in welchen die Geknechteten als Befreite sich nur spielen. So vermochte der Soul auch jenseits seines Urmilieus anästhetische Wirkung zu entfalten; und dies, obgleich – oder gerade weil – er dies mithilfe anderer Codes bewerkstelligt als der blässliche Majoritätssound.
Mit Haut und Hoden
Was im Soul vordergründig zum Einsatz kommt, ist der Schmeichel-Sound des männlichen Liebhabers. Schon der frühe R&B, wo der Rock’n’Roll sich bediente, bestand zu einem Gutteil aus Geschlechtlichkeits-Metaphern, die vor der heuchlerischen Luther-Moral des herrschenden Hauptstroms Deckung boten. Der Soul spitzt diese Metaphorik grell zu. Er kleidet sie in die Wortwattebäusche des gedachten XY-Chromosomierten, der per zärtliche Nahbereibung aus dem Einerlei der Knechtschaft sich herauszuwinden sucht; er verkörpert die Körperlichkeit desjenigen, der von handfesten Gütern so enteignet bleibt, dass das Dopamin-Geriesel des eigenen Leibes ihm letzter Springquell der Freude ist. Dies gilt nicht allein für die Nachkommenschaft der vormals aus Afrika Hinfortverschleppten. Auch unter Verpflanzten fernab dieser Breiten wiegt man gern das Haupt zu souligem Rhythmus.

Doch entlehnt der Soul nicht dem Beziehungsknast der fatal verschnittenen Geschlechterverhältnisse die allerunseligsten Ideologeme, sie ahnungslosen Angesichts weiterverwertend? Die Hörabsicht, die dich dem Soul geneigt macht, schwächt diesen Vorwurf merklich ab. Den Rockismus, en passant bemerkt, trifft er voll. Jener geriert sich in jeder Hinsicht tumber.
Thrill des Herumtollens
Zwar bringt der Soul die Balzlust übersteigert zum Ausdruck. Vor der Zielaggression, dem tatsächlichen Übergriff scheut er allerdings unbedingt zurück. Sein Soundgemisch enthält sich jeder Verhärtung und neigt allenthalben zur Schmiegsamkeit; wo es im Verlauf einer Nummer dumpf rumpelt, erhält solch unbändig-hektischer Ausbruch einen wohlgefälligen Schall-Part zum Nachbarn. Mit exaltiert vorgetragener Mildheit überföhnt der Soul die Eiswüsteneien, die zugespitzte Stile des neueren Rockismus wie Metal und Hardcore heraufbeschwören. Ungepresst und tobfroh sprudelt sein Rhythmus, der Flow balsamiert die rauen Synapsen: manch Muskelgefaser erfährt warme Weitung, der Akkomodationsring der Pupillen etwa, so die schauende Durchdringung des Weltganzen fördernd. Dem Verkrampften wird die Körper-Seele erweicht. Zur Widerstandsdialektik des befreienden Gegenschlags steuert der Soul damit die Grundzutat der somatischen Selbstbewusstwerdung bei.

Zu tiefster Sinnbestimmung gelangt der Soul folglich, wo er mit dem offenen Widerwort sich bindet. Erhebendsten Ausdruck fand dies in den Frühsiebzigern. Die einstigen Crooner Marvin Gaye und Curtis Mayfield traten da mit grandiosen Opera hervor; sie schmolzen die schlau verfasste Beschwerde über das pigmentbasierte Klassenjoch in formidable Klangwelten ein. Selbst sie, Protagonisten der Schmeichelmusik, waren der großen Katalyse nicht entronnen, der das „fire last time“ der Endsechziger jedes denkende Mitwesen unterzog. So glimmt im Nahbereich der herdhaften Wärme, mit welcher der Soul die Hirndurchblutung fördert, die Sehnsucht nach der anderen, kommenden Welt auf.
Gewisse kluge Renegaten des Harschklangs fachten ein gutes Jahrzehnt darauf dies Glimmen noch ein Stück wirksamer an. P. Weller von der britischen Gruppe Style Council hatte einst Gitarren zum Kreischen gebracht; er entsagte, indem er dem Soul sich zuwandte, insofern bewusst einem Stil-Irrtum. Wo mitunter dem Soul-Vinyl ein süßlicher Nachhall die Schallrillen zu verkleistern scheint, überformten die frühen Style-Council-Alben dies mit politischer Widerborstigkeit. Es markiert jene Umkehr, möchte man meinen, den wortklanglichen Gipfel des verflossenen Jahrtausends.
Glimm-Gipfel und Schlamm-Tal
Solange die dem Soul ursprünglich huldigenden Kreise in Segregation gehalten wurden, changierte ihr Standort im Gesellschaftsgefüge; sie trieben jenseits und zwischen den Hauptklassen volatil und suchend umher. Die Fixierung eines pigmentierten Klassenstandorts erwies sich als bedeutende Anstrengung. Irgendwo auf dem Bogenrund zwischen Arbeiterklasse und abgehängter Halbwelt balgte man um einen kulturellen Stehplatz. Der technisch verfeinerte Soul neuerer Machart schärfte nach Kräften das Anspruchsbewusstsein. Doch bis weit in die Siebziger Jahre hinein blieb es bei rein negativer Integration; als Vollteil des Ganzen längst nicht wahrhaft geschätzt, war man schuldlos dazu verdammt, in der Mechanik der Klassenspaltung die Rolle eines Scharniers zu erfüllen. Die mühevoll geronnenen Untermilieus harren in vielerlei Hinsicht bis heute des bruchfesten Einbaus ins Gesellschaftsgefüge.

Der Prozess der nachgeholten Klassenformierung ist noch längst nicht zur Vollendung gekommen. Die zwischengeschlechtliche Zusatz-Kohäsion, welche die Kernleistung des Soul ausmacht, erweist sich umso mehr als erwünscht. Doch der Pur-Klang der erhebendsten Soul-Perioden bedient heute nur mehr Nischenvorlieben im Stil-Labyrinth eines zerflossenen Genres. Mit dem piepsigen Gesäusel, das in jüngeren Jahren den synthetischen Beiklang der Chart-Musik ausmacht, ist der typische Neusoul heute ebenso durchsetzt wie mit gehaltlos dahingerappten Brabbelpassagen.
Der unsägliche Gestus des Durchschnitts-Soul der Jetztzeit täuscht nicht hinweg über Zwischen-Verdienste. Der Bewegung des Northern Soul etwa gelang es, durch Ausgrabung verschütteter Vor-Inkarnationen ein Besitztum zu reklamieren, welches man der Jugend periodisch entreißt: dasjenige des hehren Tanzspaßes von unten. Indessen fiel auch der genordete Provinz-Soul unweigerlich der Sklerose anheim. Im Streit um die Hoheit über den Dancefloor blieb er gegen House und Verwandtes ohne Chance. Seitdem betreiben unter seinem Banner gestrig gepolte Vereinsmeier-Seelen eine Art Retro-Mummenschanz. Hier wie im R&B der Chart-Gefilde werden mit jedem saisonalen Zyklus die einst gleitenden Formen krustiger verbacken.

Konfektionierte Nahaffektion
Das Trachten des gemeinen Dienstleistungsbürgers erschöpft sich im arbiträr Menschenpaarigen. Die Reststile des Soul bestärken ihn darin; sie verengen die Sicht und strahlen nicht mehr ab in als weit begriffene Menschenkreise. Was obsiegt, ist die immergleich leere Routine fetischstarrer Verführungs-Machenschaften. Den bodennahen Höhepunkt solch scheinhaften Souls bildet der Koitus, der kopplungslos bleibt.
Und die Seelen, die einen Daseinszweck weder im Genitalvollzug noch in den Riten, die ihn anbahnen, finden? Sie raffen zusammen, was am Soul groß sie dünkt, es in neue exaltierte Stile überführend. Den brauchbarsten von diesen kennen wir als Hip-Hop.
(Nachtrag hierzu: folgt.
Komm bald wieder, Schwuder-Brester.)
















